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Archive for September 2014

Paukenschlag in der Ziesel-Causa: Am 3.9.2014 wurden die Bauträger am Bezirksgericht Floridsdorf wegen Besitzstörung verurteilt (Anm: Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig).

Auf einem Grundstück, das sie als Ausgleichsfläche für die Ziesel-Umsiedlung eingereicht hatten, wurden in ihrem Auftrag sogenannte Initialröhren zum Weglocken der Ziesel von der Projektfläche gebohrt. Zur Nutzung der Liegenschaft liegt jedoch nicht das Einverständnis aller Eigentümer vor.

Das Gericht ordnete an, binnen 14 Tagen den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Dies droht jedoch extrem schwierig werden, denn mittlerweile könnte mindestens eine dieser Röhren von Zieseln bezogen sein. Trifft dies zu, würden Beschädigungen der neuen Ziesel-Baue gegen das Wiener Naturschutzgesetz verstoßen und es wäre eine entsprechende Ausnahmebewilligung zu beantragen.

Offiziell steht nun auch fest, dass die Erfolgschancen der Lenkungsmaßnahmen praktisch Null sind. Denn in einem neuen Bericht an die MA 22 führt Ziesel-Expertin Ilse Hoffmann aus, dass die vollständige Evakuierung der Ziesel von der Projektfläche nördlich des Heerspitals „unmöglich“ erscheint.

Auch bestätigte die Forscherin zuletzt auf Facebook, dass die bestehende Projektfläche besser als Ziesel-Lebensraum geeignet ist als die Ausgleichsflächen. Sie widerspricht damit ihren Auftraggebern, die stets behaupten, sie hätten „geeignetere“ Habitate geschaffen.

Indes berichtet ein leitender Journalist einer führenden österreichischen Tageszeitung auf Twitter , dass es einen „interessanten“ Interventionsversuch zu den Zieseln (Link zum Tweet)  gegeben hat. Stehen derartige Interventionen bei anderen Stellen, die weniger Gegenwehr leisten, an der Tagesordnung? Zur Erinnerung: Aufgrund seiner Beteiligung am Kabelwerk, tritt Wien beim Heeresspital in Doppelfunktion als Bauträger und Naturschutzbehörde auf.

Die einst so penetrant bejubelten Ziesel-Lenkungsmaßnahmen sind also implodiert. Aufgrund der neuen Entwicklungen scheint klar: Weder Ausmaß noch Qualität der Ausgleichsflächen ist adäquat. Trotzdem geht der aussichtslose Eingriff in das geschützte Habitat weiter.

Daher sind die Behörde und die zuständige Stadträtin Ulli Sima gefordert, endlich ihr unerträgliches Schweigen zu brechen und energisch den Schutz jener Tierart durchzusetzen, die in Österreich auf Platz 1 der Roten Liste steht. Wenn schon nicht aus Liebe zum Naturschutz, dann wenigsten zur Schonung der österreichischen Steuerzahler. Denn sollte es zu einer Verurteilung vor dem EuGH kommen, steht Österreichs Steuerzahlern wegen der Ziesel eine saftige Millionenstrafe in Haus.

Ausgleichsflächen-Konstrukt bricht zusammen

ziesel-ausgleichsflaechen-noerdlich-wiener-heeresspital-20120926Aufgrund der festgestellten Besitzstörung, steht die jenseits des Marchfeldkanals gelegene und für die Ziesel-Umsiedlung bedeutsame, als A8 bezeichnete, Ausgleichsfläche (siehe Plan) nun offenbar nicht mehr zur Verfügung. Deswegen ist auch die angrenzende A7 nicht mehr erreichbar, denn dazu müssten die „freiwillig“ abwandernden Tiere genau jene A8 durchqueren.

Freilich ist bislang nicht nachgewiesen, dass jemals ein von der Projektfläche stammendes Ziesel die Brücke über den Marchfeldkanal überquert hätte.

Folgt man den ohnehin wohlwollenden Ausführungen des Amtssachverständigen der Naturschutzbehörde (Quelle: Download), stehen in Summe mit A2 und A3 nunmehr bloß 8.685 m2 an uneingeschränkt geeignetem Ersatzlebensraum zur Verfügung. Die anderen verbliebenen Teilflächen, darunter die Böschungen des Marchfeldkanals, bewertete der behördliche Gutachter lediglich als „bedingt geeignet“.

Zum Vergleich: Das Feld nördlich des Heeresspitals, von wo man die Ziesel vertreiben will, ist rund 74.000 m2 oder mehr als achtmal so groß.

Weiteres spannendes Detail: Im Zuge des behördlichen Bewilligungsverfahrens musste A8 von den Bauträgern nachgereicht werden, weil mit A2 bis A7 insgesamt nicht genug an geeigneter Ersatzsatzfläche zur Verfügung gestanden wäre.

Expertin der Bauträger: Evakuierung der Projektfläche „unmöglich“

In einem brandaktuellen Bericht (Quelle: Download) an die Naturschutzbehörde äußert die von den Bauträgern mit der Ziesel-Umlenkung beauftrage Expertin Dr. Ilse Hoffmann massive Zweifel am Gelingen des Vorhabens:

„Das Missverhältnis zwischen der Anzahl kartierter Baue und markierter Individuen lässt auf eine ausgeprägte Fangscheu der ansässigen Ziesel schließen, die eine vollständige Evakuierung der Projektfläche durch Einfangen und Umsiedeln unmöglich erscheinen lässt.“

Was bislang nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wurde, liegt also erstmals auf Papier vor. Eine der landesweit letzten großen Ziesel-Populationen wird einem möglichen Risiko ausgesetzt, ohne dass reale Chancen auf Erfolg bestehen.

Ilse Hoffmann vs. Bauträger: Projektfläche besser als Ausgleichsflächen

Die mit bloßem Auge erkennbare, gegenüber dem heutigen Ziesel-Lebensraum schlechtere Qualität der Ausgleichsflächen, wird von Ilse Hoffmann auf Facebook ebenso bestätigt:

„Der gemähte Teil der Projektfläche ist derzeit besser als Ziesellebensraum geeignet als die Ausgleichsflächen.“

Die profunde Aussage der anerkannten Forscherin konterkariert damit die Beteuerungen ihrer Auftraggeber. Diese behaupten, man habe „für die Zieselpopulation geeignetere Habitate geschaffen“.

Wie bereits berichtet, wächst die Ziesel-Population nördlich des Heeresspitals unvermindert an, während bis dato kein Nachweis für Abwanderungen von der Projektfläche vorliegt. Ein Umstand, der die enorme Diskrepanz zwischen den Aussagen der Expertin und den Bauträgern zusätzlich untermauert.

Besiedelte Zieselröhre als Fallstrick für Wiederherstellung?

Das Gericht ordnete an, dass auf jenem Grundstück (A8), wo die durch die Bauträger getätigte Besitzstörung festgestellt wurde, binnen 14 Tagen wieder der ursprüngliche Zustand hergestellt werden müsse.

Das könnte in der Realität aber äußerst schwierig werden. Denn bereits im Juli 2014 teilte Ilse Hoffmann im Rahmen ihrer regelmäßigen Berichte der Naturschutzbehörde mit:

„Bei je einer neuen Öffnung auf A7 und A8 handelte es sich um offensichtlich von Zieseln erweiterte Initialröhren.“

(Quelle: Download)

Zweck der im Mai 2014 hergestellten Initialröhren war es, Ziesel zum Anlegen ihrer Baue zu motivieren. Mindestens eines der künstlichen Löcher auf A8 könnte nun tatsächlich von einem Ziesel besiedelt worden sein.

Der Nachweis, dass besagte oder weitere Röhren doch nicht Teil eines Ziesel-Baues sind, könnte sich allerdings schwierig gestalten. Denn zu dieser Jahreszeit haben bereits erste Tiere ihren bis zu acht Monate dauernden Winterschlaf angetreten.

Das Wiener Naturschutzgesetz untersagt für streng geschützte Arten, wie es das Ziesel ist, „jede Beschädigung oder Vernichtung der Fortpflanzungs- oder Ruhestätten“.

Somit dürfen also nur jene Röhren verschlossen werden, wo mit Sicherheit auszuschließen ist, dass sie Teil einer Fortpflanzungs- oder Ruhestätten sind. In allen anderen Fällen ist das Ansuchen um eine Ausnahmebewilligung nach dem Wiener Naturschutzgesetz unumgänglich.

Naturschutzgebiet für Ziesel jetzt!

Warnende Stimmen bezweifelten das Gelingen der Ziesel-Umlenkung von Anfang an. Nun stehen die „Umweltmusterstadt“ Wien und seine schweigsamen Behörden vor den Trümmern des praktisch gescheiterten Plans.

Obwohl beim Heeresspital ein dichtes Ziesel-Vorkommen schon vor Ankauf der Projektfläche amtsbekannt war und die Stadt über zwei Millionen Quadratmeter an Bauland besitzt, soll das absurde Theater weitergehen. In das Vorhaben fließen also weiter massiv Zeit und Geld, die im Wiener Wohnbau wohl anderwärtig besser investiert wären.

Die Europäische Kommission hat im Vorjahr die Wiener Ziesel-Causa aufgegriffen. Für den Fall einer Verurteilung vor dem EuGH, drohen der Republik Österreich und ihren Steuerzahlern eine hohe zweistellige Millionenstrafe und teure Wiederansiedelungsprogramme.

Die Bürgerinitiative IGL-Marchfeldkanal unterstützt daher die Forderungen des Bezirksparlaments Floridsdorf:

  • Realisierung des Bauprojekts nördlich des Heeresspitals an einem anderen Standort.
  • Festsetzung eines Naturschutzgebietes auf den Grünflächen innerhalb und umliegend des Heeresspitals zum nachhaltigen Schutz der Ziesel.

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