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Archive for the ‘Wien’ Category

Die Umgebung des Heeresspitals in Wien ist einzigartig – nicht nur, weil sie Heimat eines der größten Zieselvorkommen Österreichs ist, sondern auch als Anschauungsobjekt wundersamer Auswüchse des Umgangs mit Artenschutz durch Wiener Naturschutzbehörde MA 22.

Wo sonst findet man Bauprojekte bei denen laut Behörde „kein Ziesel zu Schaden kommt“, obwohl in baustellennahen Bereichen eine Wintersterblichkeit von über 40% festgestellt wurde?

Wo sonst kann man zwei identisch aussehende Baustellen bestaunen, von denen eine laut Naturschutzbehörde keinerlei Auswirkungen auf den benachbarten Ziesellebensraum hat, und deshalb kein naturschutzrechtliches Verfahren durchgeführt werden musste, während eine einige Meter weiter gelegene Anlage Ziesellebensraum im Umkreis von 50 Metern unbrauchbar machen soll? Wer jetzt glaubt, eines der beiden Verfahren sei grob fehlerhaft gewesen, liegt vermutlich richtig. Rechtsgültig sind trotzdem beide Entscheidungen.

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Auch heuer bietet die IGL-Marchfeldkanal für Interessierte eine spannende Führung durch den bedrohten Lebensraum der Ziesel und seine Nachbarschaft. Erkunden Sie gemeinsam mit unseren fachkundigen Führern die Tier- und Pflanzenwelt in der Umgebung des Heeresspitals und an den Ufern des Marchfeldkanals.
Machen Sie sich selbst ein Bild von der aktuellen Lage der selten gewordenen (und streng geschützten) Ziesel und der massiven Gefährdung durch laufende und geplante Bauvorhaben.

Die Führung durch den Ziesellebensraum erfolgt durch eine Biologin und Zieselexpertin, Fragen zu den Bauprojekten beim Heeresspital beantworten Mitglieder der IGL-Marchfeldkanal.

Eintritt frei.
Wann: Sonntag, 10. Juni 2018, 15:00 Uhr
Treffpunkt: Johann-Orth-Platz, 1210 Wien (Link zum Wienplan)
Dauer: ca. 1,5 – 2 Stunden

Anreise: Der Treffpunkt befindet sich nahe der Endstation der Straßenbahn-Linie 31. Falls Sie mit dem Auto anreisen, nutzen Sie bitte die Parkmöglichkeiten entlang der Johann-Weber-Straße.

Tipp: Zum Beobachten bitte Fernglas mitnehmen!

Der Spaziergang findet bei jedem Wetter statt. Die Bürgerinitiative IGL-Marchfeldkanal freut sich auf Ihr Kommen!

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Gehege für Umsiedlung eingefangener Ziesel – jenseits des Marchfeldkanals

Schließlich entscheiden die Ziesel, ob und wann wir bauen können”, Unique Relations, PR–Agentur der Bauträger, 2016 [1].

alle Zeitpläne sind Spekulation, wir richten uns nach den Tieren” Thomas Knoll, ökologische Bauaufsicht, „Sie werden nicht gefangen und irgendwo hingetragen“ Ilse Hoffmann, ökologische Bauaufsicht, 2012 [2].

Ein Kollege der SPÖ hat Ihnen beim letzten Mal schon gesagt, wenn die Ziesel nicht wandern, dann kann dort nicht gebaut werden.” GR. Rüdiger Maresch, Grüne, 2013 [3].

Hohle Phrasen zur Blendung der Öffentlichkeit, jahrelang als Beschwichtigung seitens Bauträger–PR und Wiener Stadtpolitik zu den durch ein Bauprojekt gefährdeten Zieseln beim Heeresspital aufgefahren, denn bei den sogenannten “naturschutzrechtlichen Verfahren” zur Genehmigung der Bauprojekte nördlich des Heeresspitals wird der Eindruck immer stärker, dass sie nur ein mögliches Ergebnis haben: Eine Genehmigung des eingereichten Projekts, mit immer kreativeren Begründungen, und immer mehr auf Kosten der Ziesel. Egal ob die zur Bedingung gemachten Auflagen funktioniert haben oder nicht, gebaut wird auf jeden Fall.

Ein Stück Ziesellebensraum gefällig?

Was auch immer von den Bauträgern als “Projekt” benannt und beantragt wird, beim stückweisen Durchwinken lässt sich die Wiener Umweltbehörde MA 22 durch nichts aus der Ruhe bringen:

  1. 2016: Eine angeblich im öffentlichen Interesse erfolgende Bodenabtragung für Kabelwerk und Familienwohnbau, allerdings ohne ein konkretes Bauprojekt.
  2. 2016: Eine Bodenabtragung für das Österreichische Volkswohnungswerk, ebenso ohne konkretes Bauprojekt.
  3. 2017: Bauprojekte von Kabelwerk und Familienwohnbau, eigentlich im Ziesellebensraum, jetzt allerdings laut Behörde nicht mehr genehmigungspflichtig, da die Tiere ja zuvor durch den zweckfreien Bodenabtrag “im öffentlichen Interesse” vertrieben wurden.
  4. 2017: Ein halbes Bauprojekt der Sozialbau, denn man hatte bei 1) auf die halbe Projektfläche “vergessen”
  5. 2018: Genehmigung für zwei weitere Gebäude des Kabelwerks, vermutlich wurde im Vorfeld wieder einmal “vergessen”, dass sich die beiden Fundament und Garage mit den in 3) Genehmigten Gebäuden teilen.
  6. 2018: Das Volkswohnungswerk dürfte “vergessen” haben, dass die Baugrube etwas größer sein muss, als das zu errichtende Gebäude. Kein Problem, die MA 22 zeigt sich auch hier wieder großzügig.

Es ist anzunehmen, dass der Behörde auch diesmal jede einzelne Genehmigung “leicht gefallen ist”, wie die Leiterin der MA 22 in der Vergangenheit öffentlich betonte [4], nachdem durch die Stückelung vorausschauend dafür gesorgt wurde, dass jedesmal nur “wenige” Ziesel betroffen bleiben.

Die Leidtragenden dieser Fließbandausnahmen sind die vom Aussterben bedrohten Ziesel. Nachdem zuvor bereits die heftig propagierte “freiwillige” Abwanderung der Tiere für gescheitert erklärt wurde und stattdessen auf Vertreibung durch Lebensraumzerstörung und Ausbaggern der Zieselbaue gesetzt wurde, scheint es nun auch mit dieser Methode nicht schnell genug zu gehen. In einem rekordverdächtigen Tempo wurden alle auf den nun genehmigten Flächen lebenden Tiere eingefangen und auf der anderen Seite des Marchfeldkanals ausgesetzt. Sanfte Umlenkung? Rücksicht auf die europaweit streng geschützten Tiere? Nicht, wenn die EU gerade wegschaut und die Bauträger ungeduldig werden!

Während für die ersten Teilprojekte noch funktionierende Ausgleichsflächen mit Anschluss an das Vorkommen verlangt wurden, war die Behörde bei der letztjährigen Teilgenehmigung für die Sozialbau bereits weniger streng und akzeptierte eine zu kleine Ausgleichsfläche als ausreichend, mit dem verblüffenden Argument, darauf könnte ja eine höhere Besiedlungsdichte erreicht werden.

Mangels verfügbarer funktionierender Ausgleichsflächen ist man inzwischen dabei angelangt, die gegenüberliegende Seite des Marchfeldkanals mit Zieseln zwangszubesiedeln. Für die umgesiedelten Ziesel eine riskante Reise ins Ungewisse. Zwar gab es dort in den vergangenen Jahren vereinzelt Ziesel, von einer dauerhaften Besiedlung kann aber keine Rede sein. Das Risiko scheint der verantwortlichen Behörde egal zu sein.

Zieselvertreibung – reloaded

Die Sozialbau setzt dem seltsamen Treiben um die Lebensraumvernichtung die Krone auf – auf der Hälfte ihres Baufeldes soll seit zwei Jahren ein Bauvlies die “Wiederbesiedlung durch bodenbewohnende Tierarten” verhindern. Mehrere Ziesel haben jedoch in der Zwischenzeit im Vlies ihre Baue angelegt. Dank der geradezu fahrlässigen Ignoranz bei der Sicherung des Grundstücks wurden nun zum zweiten Mal Ziesel von derselben Fläche vertrieben – mehr sogar als bei der ursprünglichen Räumung des Grundstücks ausgebaggert und gestresst wurden. Ob dafür überhaupt eine gültige Genehmigung existiert, ist fraglich, denn die ursprünglich genehmigte Vertreibungsprozedur endet mit der Abdeckung der Fläche mit Bauvlies.

“überwiegendes öffentliches Interesse” an Lebensraumzerstörung trotz wachsender Baulandreserve

Um Eingriffe in den Lebensraum einer geschützten Art zu genehmigen, muss das Interesse der Allgemeinheit an der Realisierung des Vorhabens das öffentliche Interesse am Schutz der Art überwiegen, hinzu kommt, dass es keine zumutbaren Alternativstandorte für das Projekt geben darf. Beides ist beim Wiener Heeresspital ganz klar nicht der Fall – was die MA 22 seit Jahren nicht daran hindert, Ausnahmen in Serie zu genehmigen und zwar unter Berufung auf eine Stellungnahme der zur Grünen Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou ressortierenden MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung).
Während beim Heeresspital in den letzten Jahren immer wieder die Zerstörung von wertvollem Lebensraum seltener und geschützter Tierarten beantragt und genehmigt wurde, wuchs die im Besitz der Stadt Wien befindliche “Baulandreserve” – für die Schaffung von leistbarem Wohnraum gedachte Grundstücke –  von ca. 2 Mio. m² Anfang 2013 [5] auf 2,8 Mio. m² 2018 [6]. Ein Mangel an Alternativstandorten für leistbare Wohnungen ist also kaum gegeben und daher kein zwingender Grund für die politisch gewollte Lebensraumzerstörung.

2016 stimmten die EU–Mitgliedsstaaten mit großer Mehrheit für die unveränderte Beibehaltung der FFH–Richtlinie, die EU–weit den Arten– und Habitatsschutz regelt. Die damalige Evaluierung ergab, dass die Richtlinie ausreichenden Schutz biete und lediglich konsequenter umgesetzt werden müsse (Österreich hatte keine Meinung zu dem Thema). Die Ziesel beim Heeresspital sind leider nur ein Beispiel von vielen, dass gefährdete Arten außerhalb von ausgewiesenen Schutzgebieten in der Praxis nur dann wirksamen Schutz genießen, wenn zufällig keine anderen wirtschaftlichen Interessen entgegenstehen. Die oftmalige Ignoranz der Mitgliedstaaten und die nur langsame Reaktion der EU darauf, ist einer der Gründe, weshalb die EU ihr selbst gestecktes Ziel, den Verlust an Artenvielfalt bis 2020 zu stoppen, klar verfehlen dürfte.

 

[1] BZ (Floridsdorf), 2016 – EU stellt sich hinter Zieselschutz
[2] Kronen Zeitung, 2012 – „Es werden hier keine Maschinen auffahren, solange es Ziesel gibt“
[3] GR Rüdiger Maresch, 2013 – https://www.wien.gv.at/mdb/gr/2013/gr–040–w–2013–06–24–072.htm
[4] Kurier, 2016 – Hysterie um geschützte Tiere schadet dem Artenschutz
[5] WienerZeitung, 2013: Es wird keine Lücke produziert
[6] Kurier, 2018 – Sozialer Wohnbau: Gemeinnützige unter Druck

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Keinen Weihnachtsfrieden gibt es für die Ziesel auch südlich des Heeresspitals. Stattdessen ein erstklassiges Begräbnis für den Artenschutz in der selbsternannten Umweltmusterstadt Wien. Der Skandal: Obwohl die MA 22 von der Umweltanwaltschaft Zieselbaue gemeldet bekommt, akzeptiert diese ein Gutachten des Bauträgers, das die Zieselfreiheit der Fläche bescheinigt.

Seit Montag gräbt sich ein Bagger durch die im Besitz eines Bauträgers stehende landwirtschaftlich gewidmete Fläche südlich des Heeresspitals. Insgesamt wurden bis jetzt, über fast die gesamte Fläche verteilt, mehr als 30 ca. 3m tiefe Gruben für Sondierungsgrabungen ausgehoben. Dagegen ließe sich nichts sagen, wenn diese Grabungen nicht inmitten eines sich derzeit im Winterschlaf befindlichen Zieselvorkommens stattgefunden hätten. Also mitten im Ziesellebensraum , und mitten in der Winterstarre der strengstens geschützten Tiere. Ob und wie viele Tiere dabei getötet wurden, lässt sich nicht sagen – jedoch können die Tiere derzeit auf Beschädigungen oder Zerstörung ihrer Schlafkammer nicht reagieren – ein sicheres Todesurteil für sie. Dabei zählen Ziesel nicht nur nach dem Wiener Naturschutzgesetz zu den streng geschützten Tierarten mit prioritärer Bedeutung, sondern sind auch EU-weit nach der FFH-Richtlinie streng geschützt, ebenso wie ihr Lebensraum.

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Zieselvorkommen beim Heeresspital – Bestandsdaten: MA 22, Ilse Hoffmann, Knoll Consult, IGL-Marchfeldkanal.

Umweltbehörde schaut zu und findet nichts dabei
Die Wiener Umweltbehörde MA 22  dürfte über die Arbeiten unterrichtet gewesen sein, denn sie verweist auf ein im Auftrag des Bauträgers erstelltes Gutachten, in dem die Fläche schlichtweg für zieselfrei erklärt wird. Diesem schenkt die Behörde mehr glauben, als dem Wissen der eigenen Mitarbeiter sowie Beobachtungen der Umweltanwaltschaft (entsprechender Mailverkehr liegt uns vor). Während diese Information in der MA 22 einer kollektiven Amnesie zum Opfer gefallen zu sein scheint, dürfte man sich bei der Umweltanwaltschaft noch daran erinnern [1].

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Sondierungsarbeiten, 5.12.2017. Im Hintergrund zahlreiche Erdhaufen

Das von der Behörde akzeptierte Gutachten basiert offenbar auf einer Begehung der Fläche in der zweiten Septemberhälfte(!), bei der keine aktiven Zieselbaue auf der Fläche feststellen werden konnten. Das ist insofern eher wenig verwunderlich, als die ersten Ziesel sich bereits Mitte August in den Winterschlaf zurückziehen, und die letzten (heurige Jungtiere) Anfang Oktober in ihren Bauen verschwinden. Ende September ist also ein günstiger Zeitpunkt, wenn man es nicht so genau nehmen möchte und möglichst keine genutzten Zieselbaue finden will. Um das Übersehen möglicher Baue noch leichter zu gestalten, wurde die auf dem Großteil der Fläche angebaute Hirse kurz davor eingemulcht – der Boden war also flächendeckend mit gehäckseltem Hirsestroh bedeckt. Die Aussagekraft eines unter solchen Bedingungen entstandenen Gutachtens ist also mehr als fraglich, außer man wollte möglichst nichts finden, ein anderer Erklärungsversuch lässt sich unter den gegebenen Umständen selbst mit blühendster Phantasie nicht finden.

 

Grabungen nördlich und südlich des Heeresspitals – selbes Zieselvorkommen, zwei Welten.
Selbst wenn die Behörde – ohne eigene Daten erhoben zu haben – davon ausgeht, dass sich tatsächlich keine Ziesel mehr auf der Fläche befinden, stellt sich die Frage, warum für Erdarbeiten im Süden des Vorkommens plötzlich nicht dieselben Auflagen gelten sollen, wie für Arbeiten im Norden, befindet sich doch unmittelbar daneben unbestritten das Vorkommen am Heeresspitalgelände. Lange Zeit wurde den Bauträgern nördlich des Heeresspitals dies und das abverlangt, so z.B. einen Mindestabstand von 50m zwischen Baustelle und dem nächsten Zieselbau gefordert oder die laufende Bautätigkeit nur unter Einhaltung von Erschütterungsgrenzwerten bei den Arbeiten genehmigt [2] (wie sehr dabei auf die strenge Einhaltung dieser Auflagen Wert gelegt wurde und wird, ist wiederum ein anderes Thema). Bei der Baustelle wurden eigens mehrere Erschütterungsmessstellen installiert, die erlaubten Höchstwerte für die Zeit des Winterschlafs besonders niedrig angesetzt.

Südlich des Heeresspitals ist das alles jedoch scheinbar kein Thema mehr für die Wiener Umweltschutzbehörde, obwohl da wie dort ein Bagger Erde schaufelt und beides das selbe Zieselvorkommen betrifft. Weder wurde dort auch nur annähernd ein 50m Radius beachtet, noch waren Erschütterungsmessstationen zu sehen. Man könnte fast meinen, die Auflagen zum Schutz der Ziesel nördlich des Heeresspitals seien nur erlassen worden, um die Kritiker des Bauprojekts zufrieden zu stellen – die im südlichen Teil des Vorkommens fehlen, genauso wie etwaige Anrainer. Mit ehrlichen Schutzbemühungen zum Wohl der extrem vom Aussterben bedrohten Tiere hat das Ganze nichts zu tun. Im Lichte der jetzt durchgeführten Erdarbeiten lässt sich sogar eher das Gegenteil vermuten.

Aktuelle eigene Kartierungen zu dem Vorkommen besitzt die Behörde nicht. 2015 wurde in allen Wiener Zieselvorkommen nördlich der Donau ein Monitoring durchgeführt um das Wissen um Bestandszahlen und Verbreitungsgebiete aufzufrischen [3]. Diese Zählungen sollen alle sechs Jahre wiederholt werden. In allen Vorkommen? Leider nein, denn die Umgebung des Heeresspitals wurde als einzige von der behördlichen Zählung ausgenommen, da hier ein laufendes Monitoring im Auftrag der Bauträger beim bestehenden Bauprojekt stattfindet. Wenig überraschend beschränkt sich das Monitoring der Bauträger im Wesentlichen auf die (eigene) Projektfläche nördlich des Heeresspitals. Das Gelände des Heeresspitals sowie die jetzt betroffenen Flächen südlich davon, wurden zuletzt 2011 untersucht [4]. Da die MA 22 nun über keine selbst erhobenen Daten über den Zieselbestand auf den besagten Flächen verfügt, können vorgelegte Gutachten auch nicht einfach gegengeprüft werden. Den Bauträger wird das wahrscheinlich nicht sonderlich stören.

Im Zweifelsfall für den Bauträger
Um der MA 22 bei ihrer (über)anstrengenden Tätigkeit in Sachen Artenschutz behilflich zu sein, hat die Bürgerinitiative Igl Marchfeldkanal bereits im Jahr 2013 beschlossen, die Dokumentation der Ziesel-Bauverteilung südlich des Heeresspitals selbst selbst in die Hand zu nehmen. Seither führt die IGL-Marchfeldkanal jährlich im April oder Mai eine Begehung der Fläche sowie eine Erfassung der GPS-Koordinaten aufgefundener Baueingänge durch. Dies ist der optimale Zeitpunkt für eine Kartierung, da alle Tiere bereits wach sind und die Vegetation noch nicht übermäßig ausgeprägt ist. Auch zählt man Jungtiere noch nicht mit, von denen nur ein Bruchteil das nächste Jahr erleben wird. Zu diesem optimalen Zeitpunkt hätte freilich auch der Bauträger kartieren lassen können.

Die von uns erfassten Daten haben wir bereits vor Monaten der Behörde zur Verfügung gestellt [5], welcher folglich die Diskrepanz zwischen dem kontinuierlichen Besiedlungsnachweis unsererseits und dem “Zieselfrei”-Gutachten des Bauträgers aufgefallen sein müsste. Unsere Begehungen erfolgten zum Teil in fachlich kompetenter Begleitung, an der Glaubwürdigkeit unserer Befunde sollte es also nicht gelegen haben.

Nach der offiziellen Kartierung 2011 wurde die Fläche noch bis 2013 landwirtschaftlich genutzt, seither jährlich im Sommer gemäht, womit sie weiterhin als Lebensraum geeignet blieb. Die 2011 kartierten ca. 35 Baue wuchsen im Laufe der Jahre auf ca 100 im Frühjahr 2016 an. Im selben Jahr will der Bauträger (nach einer extrem späten Mahd Ende September) keine Ziesel mehr auf der Fläche festgestellt haben [6].

Anfang  Mai 2017 konnten wir zwar deutlich weniger Baue als im Vorjahr feststellen, die Fläche war aber eindeutig weiterhin besiedelt. Ende Juni wurde die Fläche gepflügt und Hirse ausgesät.

Mitte September wurde das Getreide eingemulcht (womit sich die Frage nach dem Zweck solcher “landwirtschaftlicher” Tätigkeit stellt). Trotz mit Stroh bedecktem Boden konnten wir mehrere Baueingänge sowohl auf der Ackerfläche als auch in den umgebenden Grasstreifen feststellen. Ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als zum zweiten Mal die offizielle “Zieselfreiheit” festgestellt worden sein dürfte. Wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg, auch beim Zieselschutz, ob sich das bis zur MA 22 durchgesprochen hat, wissen wir nicht, denn in der oben beschriebenen Vorgehensweise der Behörde ist der Wille das Vorkommen beim Heeresspital wirksam zu schützen, nicht zu erkennen.

Was sich südlich des Heeresspitals vor aller Augen abspielt ist ein Begräbnis des Artenschutzes und der “Umweltmusterstadt Wien” erster Klasse. Wollen wir wirklich untätig erste Reihe fussfrei zuschauen?

 

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* * *


Wissen über die Ziesel südlich des Heeresspitals:

  • Juli 2011: Artenkartierung im Auftrag der MA 22
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  • August 2013: Letzte Ernte, Kurz darauf Probegrabungen.

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    Feld nach der Ernte 2013, Spur von Baggerung, rechts unten Zieselbau

  • April 2014 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal, südliches Eck wurde ausgelassen. Mahd mitte August.

    sued-2014

    56 Bau-Ein- und Ausgänge

  • April 2015 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal, südliches Eck wurde ausgelassen. Mahd Juni/Juli

    sued-2015

    84 Bau-Ein-und Ausgänge

  • April 2016 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal. Mahd Ende September

    sued-2016

    133 Bau-Ein-und Ausgänge

  • Vermutlich nach Mahd Ende September – erstmalige „Feststellung“ der Zieselfreiheit der Fläche im Auftrag des Bauträgers
  • Anfang Mai 2017 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal

    sued-2017

    79 Bau-Ein-und Ausgänge

  • Mai 2017: Mahd
  • 2 Junihälfte 2017: Pflügen und Aussaat von Hirse – auf der Fläche sind weiterhin Zieselbaue zu finden.

  • Mitte September 2017: Hirse wird eingemulcht und liegengelassen.  Begehung durch IGL-Marchfeldkanal

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    36 Bau-Ein-und Ausgänge

  • September 2017: Umweltanwaltschaft meldet Baue im südlichen Teil sowie an Nordgrenze.
  • September 2017: Abermals wird  „Zieselfreiheit“ der Fläche im Auftrag des Bauträgers festgestellt.

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    durchgehend mit zerkleinertem Stroh bedeckter Boden

  • Dezember 2017: Probegrabungen
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[1] Rückmeldung Wiener Umweltanwältin zu den Grabungen
[2] Wohnbauprojekt nördlich Heeresspital – Maßnhme Erschütterungen
[3] Aktualisierung von Zieseldaten in Wien (Oktober 2013 bis Oktober 2015)
[4] Artenkartierung Europäisches Ziesel und Feldhamster in Wien 21 – Heeresspital und Umgebung östlich Brünner Straße
[5] Mail an MA 22 vom 22.6.2017 zu Flächen südlich des Heeresspitals
[6] Schon wieder Alarm um die Ziesel

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Eines wurde seit dem Bekanntwerden der Zieselpopulation auf dem Bauland nördlich des Heeresspitals 2011 immer unverändert verlautbart: Gebaut darf auf einem Baufeld erst werden, wenn es alle Ziesel verlassen haben [1][2][3][4][5]. Wirklich?

Ein scheinbar immenser Aufwand wurde seitens Behörde und Bauträgern betrieben, um die auf den westlichen Baufeldern von Familienwohnbau und Kabelwerk lebenden, in ihrem Lebensraum streng geschützten Ziesel zu vertreiben. Jahrelanger Verbuschung folgte der Bodenabtrag und die Abdeckung mit Bauvlies. Zusätzlich sollte anscheinend ein “zieseldichter” Bauzaun verhindern, dass Tiere auf die geräumte Fläche zurückwandern. Man hat die Rechnung aber ohne die Ziesel gemacht.

Weitab von den “offiziell” besiedelten Flächen, tief Im Baufeld der Familienwohnbau wurde nun ein Ziesel gefilmt. Nachdem bereits in der jüngeren Vergangenheit an der betreffenden Stelle Ziesel gehört und gesehen wurden, ist davon auszugehen, dass es sich hierbei nicht um einen unternehmungslustigen Ausflügler handelt, sondern, dass es in unmittelbarer Umgebung (also auf der Baustelle) seinen Bau hat. Nachdem auf dieser Fläche vor der Räumung nur noch ein Ziesel gelebt haben soll [6], liegt die Erfolgsquote der Räumung somit bei 0%.

Auflagen aus Gummi

Zur PR-Show namens “Wohnbau und Artenschutz sind vereinbar” gehörten neben der Beteuerung, nur auf zieselfreien Flächen bauen zu wollen, auch “Maßnahmen” die sicherstellen sollten, dass die auf den umgebenden Flächen lebenden Ziesel nicht durch die Bautätigkeit zu Schaden kommen. So wurde anfänglich jahrelang öffentlich betont, dass zwischen Bautätigkeit und dem nächstgelegenen Zieselbau ein Sicherheitsabstand von 50 m einzuhalten sei [7][8][11]. Um diese erfreulich klingende Forderung wurde es allerdings plötzlich sehr still, als man merkte, dass dies 2017 den Baustart auf den ersten Baufeldern unmöglich machen würde. Als situationselastische Alternative wurden daraufhin “Erschütterungsschwellwerte”, die beim Baustellenbetrieb einzuhalten seien, aus dem Hut gezaubert [9]. Bei einer Nicht-Überschreitung dieser würden sich die Ziesel auch nicht gestört fühlen, wurde aus Vergleichsmessungen nahe einer Bahnstrecke bei Mannswörth freihändig geschlossen. Es folgte auch eine Absichtserklärung der Bauträger:

Im Falle von bis zu zwei Überschreitungen pro Tag dürfen die Bauarbeiten bei größter Sorgfalt zur Vermeidung weiterer Überschreitungen 24 Stunden lang fortgeführt werden. Innerhalb dieses Zeitraumes hat jedoch eine Abklärung mit der Erschütterungstechnischen Bauaufsicht zu erfolgen und ist eine Freigabe der weiteren Bauarbeiten durch dieselbe erforderlich.
Ab 3 Überschreitungen pro Tag sind unmittelbar Maßnahmen zu setzen, welche weitere Überschreitungen verhindern. Für die Fortführung der Bauarbeiten ist die Zustimmung der erschütterungstechnischen Bauaufsicht erforderlich [9].

Nun liegen uns Messprotokolle [10] der drei Messstationen [11] im Baustellenbereich vor. An einem der Messpunkte wurde an mehreren Tagen bis zu siebenmal(!) der erlaubte Höchstwert (Maximalwert 28 mm/ s²) überschritten – ohne erkennbare Folgen für den Baubetrieb.

Die Reaktion der zuständigen Wiener Umweltbehörde darauf? Im begleitenden Schreiben zu den Messprotokollen meint sie lapidar

Die Wahrnehmung sowohl der ökologischen Auf-sicht als auch unserer Amtssachverständigen ist, dass Ziesel durch die Bautätigkeiten nicht beeinträchtigt wurden.[12]

Dumm, dass die Schwellenwerte keine bindenden Auflagen darstellen, da zur Genehmigung der Bautätigkeit ja kein ordentliches naturschutzrechtliches Verfahren durchgeführt wurde. Dieses war/ist laut Behörde auch nicht notwendig, da die Bauträger glaubhaft versichert haben, freiwillig die Erschütterungsgrenzwerte einzuhalten, um somit die Ziesel (die man eigentlich loswerden möchte) in der Umgebung keinesfalls zu beeinträchtigen…

Nachdem nun nach Aussage der Umweltbehörde auch bei Grenzwertüberschreitung keine Beeinträchtigungen der Ziesel wahrzunehmen sind – wobei hier von einer Wahrnehmung und nicht von einem Beweis die Rede ist – dürften bei der Genehmigung der Bautätigkeit auf der frisch geräumten Fläche der Sozialbau sowie des ÖVW die letzten Hemmschwellen fallen (Baueingänge finden sich dort direkt am Bauzaun). Man scheint inzwischen der Meinung zu sein, dass Bautätigkeit Zieseln prinzipiell egal ist, solange keine Baggerschaufel mitten durch die Nestkammer des Zieselbaus fährt.

Angesichts der offiziell verkündeten Harmlosigkeit von Baustellenbetrieb und dichter Wohnbebauung in direkter Nachbarschaft stellt sich allerdings die Frage, warum es anderenorts keine Zieselvorkommen in vergleichbarer Umgebung gibt. Schließlich müsste es unter diesen Voraussetzungen in etlichen Favoritner und Floridsdorfer Wohnanlagen von Zieseln nur so wimmeln.

Eines kann man jedoch als gesichert annehmen: Rechtzeitig vor dem Verschwinden des letzten Ziesels werden uns die Vertreterinnen und Vertreter der Wiener Stadtpolitik wie üblich aus diversen Medien großformatig lächelnd verkünden, wie großartig Wien doch Wohnbau und Artenschutz vereinbar macht.

[1] Kronen Zeitung 26.5.2012 – Es werden hier keine Maschinen auffahren solange es Ziesel gibt
[2] Wien Heute – 2013
[3] Wien Heute – 5.11.2013
[4] Wien Heute – 21.6.2015
[5] Heute – 4.4.2016
[6] Wiener Bezirkszeitung – 12.4.2016
[7] DerStandard – 9.10.2014
[8] BZ – 11.2.2016
[9] Maßnahme Erschütterungen, Unterlagen Messungen
[10] Erschütterungsmessprotokolle 04.2017-07.2017
[11] Übersichtplan Erschütterungsmonitoring
[12] Begleitschreiben zu Erschütterungsmessprotokollen

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Vor wenigen Tagen war es wieder soweit – ein erneuter Bagger-Angriff auf eines der letzten Zieselvorkommen im Norden Wiens. Streng geschützte Tiere und ihr Lebensraum beim Heeresspital werden wieder plattgewalzt und zubetoniert. Ein Artenmord mit kleinen Tricksereien und alternativen Fakten?


Obwohl Ziesel (Spermophilus citellus, in den meisten mitteleuropäischen Ländern bereits ausgestorben), von der Stadt Wien laut Naturschutzverordnung aber auch auf internationaler Ebene strengster Schutzstatus zugestanden wird und sie laut EU FFH-Richtlinie weder gestört, vertrieben, verletzt oder gar getötet werden dürfen, fahren jetzt in Wien wieder einmal die Bagger auf. Der geschützte Ziesel-Lebensraum fällt Stück für Stück diversen Bauprojekten am Wiener Stadtrand zum Opfer – mit behördlicher Hilfestellung.

„Wie ist so etwas etwa überhaupt möglich?“,
fragen sich sämtliche Naturschutzorganisationen [1][2][3] und Sprecher fast aller politischen Parteien schon seit 2011 [4], als das Thema mitsamt einer im Auftrag der Wiener Umweltschutzabteilung MA 22 erstellten Studie [5] zur Artenkartierung von S. citellus erstmals im Gemeinderat landete [6]. Warum werden Gebiete, die eigentlich zur Schutzzone deklariert werden müssten, zu Baugrund umgewidmet? Gelten die Natur- und Artenschutzgesetze oder gelten sie nicht?
Wie sonst ist es zu verstehen, dass Behörden bei manchen Bauprojekten auf vorschriftsmäßige artenschutzrechtliche Prüfungen und ggf. ernsthafte Alternativenprüfungen des Standortes verzichten und im Gegenteil sogar Ausnahme-Genehmigungen erteilen, um die Bauvorhaben – entgegen rechtlichen Artenschutzbestrebungen – zu legitimieren?
Nachdem bereits im letzten Jahr dem Bauträger „Kabelwerk“ die Zerstörung von ca. zwei Hektar nördlich vom Heeresspital genehmigt wurde – hier ist der ehemalige Ziesel-Lebensraum bereits zubetoniert – erhielt im jetzigen Anlassfall die teilweise in SPÖ-Besitz stehende „Sozialbau“ von der Wiener Umweltbehörde eine Ausnahme-Genehmigung für den Bodenabtrag von weiteren rund 0.3 Hektar. Das Besondere daran ist, dass es sich um jenen Rest-Teil des rechteckigen Sozialbau-Grundstücks handelt, auf welchen bei der letztjährigen Ausnahme-Einreichung angeblich “vergessen” (!) wurde. Betroffen ist noch dazu ein Areal, zu dem es bei der Genehmigung im Vorjahr hieß: ”Auf der Fläche nördlich des Heeresspitals gibt es noch ca. 5 ha weiteren Lebensraum, die von den gegenständlichen Maßnahmen nicht betroffen sind[7]. Hatte man im Vorjahr noch Ersatzflächen im Ausmaß von 1:1 als Kompensation verlangt, reichen bei der Sozialbau nunmehr 0.2 ha aus, mehr war in der Umgebung des Heeresspitals nicht mehr aufzutreiben (Fläche A3b im Plan) und anscheinend ist es inzwischen auch egal geworden, ob für die unter strengstem Naturschutz stehenden Tiere in der Umgebung noch genügend Ausweichflächen vorhanden sind.

Einreichpläne Kabelwerk 2015, Knollconsult/Hoffmann. Ergänzung Sozialbauflächen: IGL-Marchfeldkanal

Die letzten in der Umgebung des Heeresspitals verfügbaren Lebensräume für Ziesel schrumpfen und schwinden jedenfalls in einem bedrohlichen Ausmaß. Der Population am Marchfeldkanal wurde seit dem letzten Jahr durch verschiedene Maßnahmen mehr als 4,5 Hektar an Lebensraum genommen (Kabelwerk, Sozialbau, Neues Leben, ÖVW). Das Ergebnis ist ein enormer Dichtestress für die Tiere. So sollen in der Kernzone des Vorkommens, auf dem Gelände des Heeresspitals, die für gewöhnlich Erdbaue grabenden Tiere bereits Mauerrisse besiedeln, nördlich des Heeresspitals stolpert man von Loch zu Loch [8].

Die Ausnahme wird zur Regel
Was bedeutet das neuerliche Vorrücken der Bagger? Beim Heeresspital zeigt sich immer deutlicher: Die im Gesetz vorgesehene Ausnahme wird anscheinend zum Regelfall. Zur Genehmigung werden nacheinander jeweils nur kleine Teilstücke eines Gesamtprojekts [9] eingereicht, womit dessen Gesamtauswirkungen auf die Umgebung damit nie zur Untersuchung kommen – im Volksmund bis hinein in die EU-Gremien bereits als sog. „Salami-Taktik“ verpönt und eigentlich auch verboten. Die Wiener Umweltbehörde steht stur auf dem Standpunkt, dass sie nur prüfen könne, was von den Bauträgern eingereicht wird – also kleine Teilprojekte, bei welchen, wie im Fall der letztjährigen Abtragung, günstigerweise “ nur mehr wenige Ziesel – weniger als zehn – betroffen sind”. Beim Baufeld der Sozialbau sollen es diesmal auch “nur” 6 Ziesel sein, der Rest staut sich auf der immer kleiner werdenden Restfläche, von der Behörde schön als “von den gegenständlichen Maßnahmen nicht betroffener Lebensraum” beschrieben.
Welche realen Schutzeffekte haben Artenschutzgesetze überhaupt, wenn Projekte mit politischer Unterstützung im Lebensraum geschützter Arten rücksichtslos durchgezogen werden?

Zahlenakrobatik und schwindender Lebensraum
Grund für die internationale Einstufung des Europäischen Ziesels durch IUCN und EU als stark gefährdet, ist das rapide Schwinden des verfügbaren Lebensraumes.
Die Flächenverluste für die Wiener Ziesel beschränken sich nicht allein auf die Umgebung des Heeresspitals. Seit der letzten Kartierung 2002-2005 sind zahlreiche siedlungsnahe Kleinvorkommen in Wien erloschen [10][12]. Nahe der Stadtgrenze hat die Verbauung der Umgebung dem Großvorkommen beim Badeteich Seeschlacht (über 1000 Tiere in den 1990ern!) den Todesstoß versetzt und es innerhalb weniger Jahre zum Erlöschen gebracht. Während in diesem Fall die Ursache für das Aussterben recht eindeutig ist, verschwinden die Tiere anderenorts sogar aus eigens für sie eingerichteten und gepflegten Schutzgebieten – so geschehen am Goldberg im Süden Wiens!
Das Wiener Naturschutzgesetz gestattet Maßnahmen gegen eine streng geschützte Art nur dann, wenn ihr Erhaltungszustand vor und nach dem Eingriff günstig ist[§11 Abs 4.2].

Deshalb wurde auch in einem kreativen Ausbruch für die Ziesel eine eigene Erhaltungszustand-Kategorie entworfen, nämlich der spezielle Wiener “durchaus günstig”- Erhaltungszustand, der aber sonst nirgendwo bekannt ist [10]. Begründet wird das mit einer angeblichen Zunahme des Wiener Zieselbestandes.

Konkret meint die Behörde, der Bestand sei von 4500-6500 Tieren im Jahr 2005 auf 9000 im Jahr 2016 angestiegen, wobei sie aber gleichzeitig einen Rückgang des besiedelten Lebensraumes einräumen muss. Ein Vergleich der beiden Zahlen ist jedoch weit hergeholt, unseriös und wissenschaftlich nicht haltbar. So wurde für die neue Zählung eine andere Methode verwendet, als für die alte[15]. Während die mit der neuen Methode der einfachen Bauöffnungszählung ermittelten 9000 Baue eine Obergrenze für den Bestand darstellen, wurde bei der Zählung 2002-2005 mittels Spurröhren zwischen benutzten und unbenutzten Bauen unterschieden, womit die ermittelte Individuenzahl natürlich niedriger ausfiel. Auch ergibt sich laut aktuellen Zählungen in Wien eine unrealistisch hohe Durchschnittsdichte von 25 Tieren/ha[11], weit höher als in Niederösterreich oder im Burgenland (der österreichische Schnitt beträgt ca. 7 Ziesel/ha, in Ungarn sind es zum Vergleich nur 0.2 Ziesel/ha – auf einer weit größeren Fläche[13]).
Auf die Ungereimtheiten in den Behauptungen der Behörde haben wir bereits mehrfach aufmerksam gemacht. Trotzdem werden diese in der Art von alternativen Fakten weiterhin bei jeder Gelegenheit fleißig unter Medien und Bürger gestreut. Wer prüft denn schon so genau nach?

Selbst ein tatsächlicher Anstieg der Individuenzahl rechtfertigt bei schrumpfendem Verbreitungsgebiet keine Jubelmeldungen und eine Aufstufung des Erhaltungszustands, da durch die geschrumpfte Fläche die Gefährdung der Populationen durch Krankheiten und extreme Wetterereignisse enorm steigt.

Die massive Bautätigkeit in der Umgebung des Heeresspitals kann somit schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, die Langenzersdorfer Seeschlacht ist ein mahnendes Beispiel dafür [16]:

wonach Anfang der 90er Jahre dort knapp 60 Ziesel pro Hektar nachgewiesen wurden…Im Sommer 2006 wurden überhaupt nur mehr 2 (!!) befahrene Löcher gefunden. Gründe hierfür könnte (laut Hoffmann 2003 und Millesi mündlich) die Bautätigkeit außerhalb des Badegeländes sein, die dazu geführten haben dürfte, dass dieses Vorkommen von der Umgebung abgeschnitten wurde

So nicht!
In diesem Sinne ist die unhaltbare Zerstörung des Zieselvorkommens beim Heeresspital durch Politik und Behörden zu beenden. Um einen korrekten Umgang mit den Tieren sicherzustellen, fordern wir:

  • Ein Ende der Projektstückelung – die gesamte Umgebung des Heeresspitals ist im Zuge naturschutzrechtlicher Verfahren als das zu betrachten, was sie ist: ein städtebauliches Gesamtprojekt, ebenso wie Auswirkungen auf das gesamte Vorkommen in der Umgebung des Heeresspitals zu berücksichtigen sind.
  • Die Prüfung alternativer Standorte hat, wie gesetzlich vorgesehen, ernsthaft zu erfolgen, nicht nur wie bisher pro-forma.
  • Angesichts der Relevanz des Zieselvorkommens (mit 800-1000 Tieren eines der größten Österreichs) ist das Habitat unter Schutz zu stellen, um gegebenenfalls nötige Schutzmaßnahmen durchsetzen zu können.

[1] Umweltdachverband – Ziesel-Heeresspital
[2] Naturschutzbund – Ziesel-Heeresspital
[3] Wiener Tierschutzverein – Und das rechtswidrige Baggern geht unbeirrt weiter
[4] Ziesel-Wortmeldungen  im Wiener Gemeinderat und Landtag
[5] Artenkartierung Europäisches Ziesel und Feldhamster in Wien 21 – Heeresspital und Umgebung östlich Brünner Straße
[6] Anfrage der FPÖ im Wiener Gemeinderat zu Zieselpopulation beim Heeresspital [6]
[7] Umweltinformationen aus dem Bescheid vom 16.11.2015 zur Zahl: 141149/2015 und den zugrunde liegenden Gutachten
[8] Zieselbaue nördlich des Heeresspitals
[9] Einreichung Gesamtprojekt 2012 Kaelwerk, Donaucity
[10] Verbreitung des Ziesels (Spermophilus citellus) 2014 und 2015 in Wien – Aktualisierung der Erhebungen von 2002 und 2005
[11] Verbreitung des Ziesels – Anhang 1
[12] Verbreitung des Ziesels – Anhang 2
[13] FFH Art. 17 Berichte der EU-Mitgliedssstaaten, Säugetiere/Ungarn/2007-2012
[14] Wiener Naturschtzgesetz §11 Abs 4.2
[15] Erfassung von Vorkommen des Europ‰ischen Ziesels im Wiener Norden mit begleitender Aufnahme des Feldhamsters
[16] Vorkommen und Schutz des Ziesels (Spermophilus citellus) in Niederösterreich

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Ziesellebensraum südlich des Heeresspitals während der Jungenaufzucht zerstört – Säugende Muttertiere ohne Nahrung  – Bauträger kaufte landwirtschaftlich gewidmete Flächen – nach Vertreibung problemlose Umwidmung in Bauland erhofft?

Eine in besonders korrupten Ländern beliebte Methode zur “Landverwertung” ist das Abfackeln von Wald an baulich attraktiven Standorten[1]. Ist der geschützte Wald erst mal abgebrannt, steht einer Umwidmung zu Bauland oft nichts mehr im Wege. Die kreative österreichische Variante der Schaffung vollendeter Tatsachen ist die offenbar immer populärer werdende Taktik des „Zieselpflügens“.

Durch das Entziehen der Lebensgrundlage mittels Zerstörung der Vegetation, sollen die lästigen Ziesel früher oder später von der Bildfläche verschwinden. Nördlich des Heeresspitals tauchte Ende Juni 2011, kurz nach der ersten Meldung des dortigen Zieselvorkommens an die Behörden, ein Traktor auf, um zu einem landwirtschaftlich absolut unsinnigen und für die Jungziesel denkbar ungünstigen Zeitpunkt die Fläche umzupflügen. Zum Glück für die dort lebenden und unter strengstem Naturschutz stehenden Ziesel waren sofort Anrainer sowie Aktivisten des von ihnen benachrichtigten Wiener Tierschutzvereins und von Vier Pfoten zur Stelle. Der Traktor konnte gestoppt werden, nur ein Bruchteil des wertvollen Ziesel-Lebensraums wurde damals zerstört.

Die Ziesel südlich des Heeresspitals hatten nun leider nicht so viel Glück, wie ihre Verwandten nördlich davon. Südlich des Heeresspitals gibt es keine Nachbarn, die auf verdächtige Aktivitäten aufmerksam werden könnten. Nur die, wie üblich scheinbar in einer Art Wach-Koma befindliche Wiener Umweltbehörde, deren bisheriges Verhalten bei Bauträgern keinerlei Repekt gegenüber Naturschutzgesetzen hervorzurufen vermag und einen gewaltigen Kontrollverlust in Sachen Umweltschutz erahnen lässt, sowie auf der anderen Seite einen Bauträger als Grundeigentümer – „Neues Leben“. Unvermeidlich drängt sich da die Frage auf, warum ein Bauträger eine landwirtschaftliche Fläche erwirbt – wohl kaum, um dort Getreide anzubauen. Für einen Bauträger wird ein solches Geschäft nur dann attraktiv, wenn im Hintergrund einigermäßen verlässlich eine lukrative baldige Umwidmung in Bauland winkt, bekanntes Zieselvorkommen hin oder her. Sobald auf einer solchen Fläche der Traktor mit dem Pflug unterwegs ist, handelt es sich wohl kaum um landwirtschaftliche Maßnahmen, sondern um die brutale Durchsetzung von Profit-Interessen. Nun hat der Traktor auch südlich des Heeresspitals sein Werk getan. Die Vegetation und somit die Nahrungsquelle der dort lebenden Ziesel wurde vor einigen Tagen durch Eggen oder Grubbern des Bodens einfach zerstört, und das zu einem katastrophalen Zeitpunkt: Die Jungtiere sind noch nicht selbständig und auf Muttermilch angewiesen. Wenig Futter bedeutet wenig Milch. Geschwächte Jungtiere werden bis zum Winterschlaf kaum aufholen können und diesen, sofern sie ihn überhaupt erleben, kaum überleben. Aus diesem Grund wird sogar in sämtlichen naturschutzrechtlichen Ausnahmebescheiden, die die Zerstörung von Ziesellebensraum genehmigen, jeglicher Eingriff zwischen Anfang Mai (Geburt der Jungtiere) und Ende Juni (Selbständigkeit) verboten [2]. Dazu kommt noch, dass abwandernde Ziesel die Population im Heeresspital zusätzlich unter Druck setzen, die von Norden her ohnehin mit dem altbekannten Bauprojekt und dem damit einhergehenden Lebensraumverlust zu kämpfen hat.

 

Population seit 2011 bekannt

Dabei ist die Zieselpopulation südlich des Heeresspitals zumindest seit 2011 amtsbekannt und gut dokumentiert. Die Wiener Umweltabteilung MA 22 hielt das Heeresspitalvorkommen für derart gut erforscht (es gibt lediglich für den Teil nördlich des Heeresspitals ein laufendes Monitoring), dass sie auf eine Kartierung im Zuge der Neukartierung aller Wiener Zieselvorkommen 2013-2015 beim Heeresspital als einzigem Vorkommen(!) verzichtete.

2011 stellte Dr. Ilse Hoffmann im Auftrag der MA 22 [3] in dem frisch abgeernteten Feld 34 Baue fest (siehe „Abbildung 2“). 2013 wurde die Bewirtschaftung eingestellt, die Fläche aber weiterhin einmal jährlich gemäht, womit der Lebensraum für die Ziesel geeignet blieb. Seit 2014 erfasst die IGL-Marchfeldkanal jeweils im Frühjahr die vorhandenen Zieselbaue und ihre GPS Koordinaten:
Im April 2014 wurden 56 Bau-Ein- und Ausgänge gezählt, alle auf der nun verwüsteten Fläche.

April 2015: 84 Baue.

April 2016: 133 Baue.

Mai 2017: 79 Baue.

 

Umgehung von Gesetzen – mit Billigung der Politik?

Ist also kaufen, rücksichtslos vertreiben und umwidmen lassen, inzwischen ein in Wien funktionierendes Rezept zur “Baulandverwertung” geworden? Und das unter den Augen der Stadtregierung bzw. der mitregierenden Grünen, deren Ressort für Widmungen zuständig ist? Ziesel sind europaweit strengstens geschützt, das Töten und Fangen sowie die Zerstörung ihrer Ruhe- und Fortpflanzungstätten sind streng verboten. Mutwilliges Herbeiführen eines Futtermangels um das Nest zerstört eindeutig seine Eignung als Fortpflanzungsstätte. Ein Tolerieren solcher – einen recht eindeutigen Zweck verfolgenden – unverschämten Praktiken führt jeglichen Artenschutz ad absurdum. Sieht die Politik im „Umweltmusterland“ Österreich tatenlos zu, wenn mit wohlplatzierten “landwirtschaftlichen Maßnahmen” Artenschutzgesetze ausgehebelt werden? Wie weit ist es mit der „Gemeinnützigkeit“ eines Bauträgers her, wenn er im Zuge seiner Tätigkeit unnötig wertvolles Gemeingut zerstört? Angesichts solcher Winkelzüge ist es auch gar nicht verwunderlich, dass das 2010 von der EU im Rahmen der “EU 2020 BIODIVERSITY STRATEGY“ gesetzte Ziel, innerhalb von 10 Jahren den Rückgang der Artenvielfalt zu stoppen, auf dem allerbesten Weg zum Scheitern ist [4].

Das „Zieselproblem“ beim Heeresspital ist der Baubranche seit 6 Jahren bekannt. Trotzdem fühlt man sich nicht bemüßigt, mit den Tieren rechtlich korrekt umzugehen. Wir verlangen eine lückenlose Aufklärung und Konsequenzen für die Verantwortlichen, sowie ein klares Bekenntnis der Stadtpolitik zum Artenschutz und damit den sofortigen Stopp solcher dreister Vorgehensweisen, deren Beispiel inzwischen immer mehr Schule macht. Das Schaffen vollendeter Tatsachen darf sich nicht mehr lohnen – der beschädigte Ziesellebensraum sowie die bisherigen Populationsdichten müssen wiederhergestellt und erhalten werden!

zieselfuehrung2017

Machen Sie sich selbst ein Bild bei der Zieselführung am 25.6.2017, 14:00!

[1] WWF Waldbrandstudie
[2] Umweltinformationen aus dem Bescheid vom 16.11.2015 zur Zahl: 141149/2015 und den zugrunde liegenden Gutachten
[3] Artenkartierung Europäisches Ziesel und Feldhamster in Wien 21 – Heeresspital und Umgebung östlich Brünner Straße
[4] Mid-Term Assessment of Progress on the EU Biodiversity Strategy

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Während beim Wiener Heeresspital in den nächsten Tagen Bagger auffahren werden – obwohl seit Jahren bemängelt wird,  dass für den Bau und Betrieb der Wohnhausanlagen kein EU-konformes naturschutzrechtliches Verfahren stattgefunden hat – wird bereits eifrig die Zerstörung weiterer Teile des Ziesellebensraums geplant. Die Vorgehensweise deutet stark darauf hin, dass die gesamte Population dieser streng geschützten Tiere beim Heeresspital aufgegeben werden soll.

Zieselfeld-Baucontainer

Bagger fahren auf
Wie vor kurzem bekannt wurde [1], soll in wenigen Tagen mit Baggerarbeiten auf dem Zieselfeld nördlich des Heeresspitals begonnen werden. Letztes Jahr wurde auf dem westlichen Teil der Fläche der Oberboden abgetragen, nachdem ein Großteil der dort lebenden Ziesel aufgrund einer gezielten Lebensraumverschlechterung – trotz des schlechten Erhaltungszustands dieser Art – vertrieben wurde. Nun sollen dort in Kürze Baugruben ausgehoben werden. Bei der Beantragung des Bodenabtrags wurde einfach darauf “vergessen”, das darauffolgende Bauprojekt ordnungsgemäß mit zu beantragen und genehmigen zu lassen, wie das üblicherweise der Fall sein müsste. Daher wäre zu erwarten gewesen, dass nun für das Bauprojekt vor der Genehmigung ein naturschutzrechtliches Verfahren durchgeführt wird. Nicht in Wien.

Naturschutzrechtliche Genehmigung? Brauch ma des?
Wie es aussieht, dürfte die MA 22, die Wiener Umweltschutzabteilung, in diesem Fall nicht sehr viel von ordentlichen naturschutzrechtlichen Verfahren halten – es wurde einfach keines durchgeführt. Stattdessen gibt sich die MA 22 damit zufrieden, dass von den Bauträgern ein „Ansuchen um Feststellung des Erreichens von Verbotstatbeständen“ eingebracht wurde. Natürlich wurde festgestellt, dass aufgrund der beschriebenen Begleitmaßnahmen voraussichtlich keine Verbotstatbestände erreicht werden.

Man möchte meinen, dass jeder vorausschauende Projektwerber auf Rechtssicherheit durch einen rechtskräftigen Bescheid als Ergebnis eines naturschutzrechtlichen Verfahrens bestehen müsste. Nur bei einem Naheverhältnis zwischen der zuständigen Behörde, ihrer politischen Leitung und dem Projektwerber wäre das vermutlich nicht der Fall, denn dann ließen sich unbequeme Hindernisse auch auf anderem Wege verlässlich aus der Welt schaffen.

Den Bauträgern Kabelwerk und Familienwohnbau ist nun die Errichtung von Wohnhäusern auf dem Zieselfeld – wie erwartet – nicht untersagt worden, unter der Voraussetzung, dass die durch die  Bautätigkeit verursachten Erschütterungen, die direkt daneben lebenden Ziesel nicht stören werden. Um das festzustellen, soll an drei Punkten entlang des Bauzauns gemessen werden – bei Überschreitung eines Grenzwerts würde die ökologische Bauaufsicht alarmiert, die über eine Unterbrechung der Arbeiten entscheidet. Allerdings könnte es durchaus sein, dass sich die Ziesel bereits bei geringeren Erschütterungen gestört fühlen, Erfahrungswerte gibt es nämlich keine. Die Grenzwerte basieren auf Messungen, die in Zieselkolonien entlang einer Bahntrasse durchgeführt wurden. Auch die ökologische Aufsicht Ilse Hoffmann meint dazu nur, dass “die Vibrationen der Züge mit jenen von Baumaschinen vergleichbar sein könnten[1].

Was passiert also nun, falls sich die Annahme als falsch herausstellt, und negative Effekte auf die benachbarten Ziesel sichtbar werden? Die Bautätigkeit müsste dann eigentlich sofort eingestellt und ein naturschutzrechtliches Verfahren nachgeholt werden. Das wahrscheinlichere Szenario ist jedoch, wie wir glauben, – nachdem mit dem Bau bereits begonnen wurde und ein Baustopp teuer kommt – dass dann einfach weitergemacht und die (praktischerweise von der MA 22 verhängte) Verwaltungsstrafe wegen Schädigung des Tierbestandes bezahlt wird. Wahrscheinlich gleich aus der Handkassa. Es wäre ja auch nicht die erste Strafe wegen Verletzung der Auflagen bei diesem Projekt [2]. Artenschutz à la Wien eben.

Auswirkungen? Welche Auswirkungen?
Die bei einem ordentlichen naturschutzrechtlichen Verfahren verpflichtende Untersuchung der Auswirkungen des Betriebs der Anlage hat zu keinem Zeitpunkt stattgefunden – weder beim Verfahren zur Baufeldfreimachung, noch offenbar beim “Ansuchen um Feststellung…”

Dementsprechend umfangreich fallen auch die Maßnahmen aus, die eine Störung der Ziesel durch die Anlage und ihre Bewohner verhindern sollen:

  • Information der Bewohner
  • Naturnahe Grünraumgestaltung.

In einer von der MA 22 beauftragten Studie findet sich die Aussage “Klassische Hundewiesen, die regelmäßig gemäht werden, werden [von Zieseln] nicht besiedelt[3], was in der weiteren Umgebung des Heeresspitals auch gut beobachtet werden kann. Dass die Haustiere von mehreren hundert neuen Bewohnern Auswirkungen haben werden, wird aber von derselben MA 22 nicht einmal ignoriert.

Verfahren für nächste Teilflächen angelaufen
Die bisherige Vorgehensweise lässt nichts Gutes für die Zukunft erahnen. Für jeden Projektschritt fand sich ein trickreicher Weg, der zwar nicht einem sauberen und korrekten naturschutzrechtlichen Verfahren entsprach, aber trotzdem von der Behörde vorbehaltlos akzeptiert wurde.

  • So wurde ursprünglich [4], um ein (anspruchsvolleres) Ausnahmeverfahren zur Genehmigung des Projekts zu vermeiden, lediglich das Abfangen von 10 Zieseln genehmigt – die anderen hätten mehr oder weniger gezwungenermaßen “freiwillig” auf großteils ungeeignete Ausgleichsflächen wandern sollen. Die EU-Beschwerde gegen dieses Vorgehen läuft immer noch.
  • Der nächste haarsträubende Schritt war die Stückelung des Projekts und die Genehmigung einer “Baufeldfreimachung” auf einer Teilfläche, ohne Berücksichtigung des nachfolgenden Bauprojekts – freilich mit der Begründung des öffentlichen Interesses am (nicht beantragten!) Wohnbau [5]. Natürlich wurde von der Behörde heftig bestritten, Salamitaktik zu betreiben und das Projekt mit Absicht zu stückeln.
  • Nun folgt die Duldung eben dieses Baus ohne naturschutzrechtlichem Verfahren – schließlich leben ja auf diesem Teil der Projektfläche, nachdem alles weggebaggert und ein Bauvlies ausgelegt wurde, überraschenderweise keine geschützten Arten mehr. Allerdings nur aufgrund der vorhergehenden unsauberen Genehmigung der Behörde (zu den Auswirkungen von Bautätigkeit und Betrieb der Wohnhausanlage, siehe weiter oben)
  • SPÖ-Bauträger profitiert von Zieselvertreibung
    Sehr lange haben die Beteuerungen der MA 22, dass nun keine Filetierung des Projekts mehr zugelassen werde, nicht gehalten. Denn die unter anderem der SPÖ-Wien gehörende Sozialbau AG (früher ganz im Besitz der Wiener-SPÖ und zuletzt wegen überhöhten Vorstandsgagen in den Schlagzeilen[6]) möchte nun eines der Baufelder bebauen. Auf dem Bauplatz wurde letztes Jahr nur für ein Teilstück der Bodenabtrag genehmigt. Zur Zeit läuft ein Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung für den Rest der Sozialbau-Fläche, die leider immer noch von Zieseln und anderen geschützten Arten besiedelt wird.
    Zur Genehmigung des Bodenabtrags meinte die Leiterin der MA 22, Karin Büchl-Krammerstätter “Im konkreten Fall war die Entscheidung sehr leicht, weil nur mehr wenige Ziesel – weniger als zehn – betroffen sind[7]. Vielleicht erfährt man ja im nächsten Interview, wie wenige Ziesel vom Antrag der Sozialbau betroffen waren. Wenn es noch eines Beweises für den Zweck der Salamitaktik bedurft hat – hier wird er geliefert. Und mit dem von der MA 18 (traurigerweise zum Ressort der Grünen Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou gehörig) freundlich attestierten überwiegendem öffentlichen Interesse am Wohnbau [8], das bereits bei der Baufeldräumung zum Einsatz kam und im Prinzip auf jedes Projekt in der weiteren Umgebung des Heeresspitals anwendbar ist, ist die Genehmigung wohl nur noch reine Formsache. So sieht ein Kniefall der Behörden vor parteinahen Bauträgern auf Kosten des Umwelt- bzw. Artenschutzes aus.
  • Weitere Ausnahme
    Auch für die zweite im letzten Jahr geräumte Fläche, das im Norden des Ziesellebensraums liegende Projekt des ÖVW, soll demnächst um eine Ausnahmegenehmigung ersucht werden. Auch hier werden wohl wieder nur wenige, direkt neben dem Baugrubenrand lebende Ziesel betroffen sein – der nächste “geringfügige” Eingriff und eine weitere Farce.

Ausgleichsflächen funktionieren nicht? Auch egal!
Das völlige Ende der Heeresspitalpopulation könnte eingeläutet werden, wenn auch das letzte Teilprojekt genehmigt wird, betreffend die ungefähr 4 ha. große “Restfläche”, auf der sich zur Zeit die ca. 200 aus dem Winterschlaf erwachenden und von der Bautätigkeit betroffenen Ziesel stauen. Als Ausgleichsflächen würden dann lediglich die Böschungen sowie die über den “Zieselsteg” erreichbaren Flächen jenseits des Marchfeldkanals bleiben. Beide werden seit Jahren nachweislich nicht ausreichend besiedelt, um von einem funktionierenden und genutzten Ziesellebensraum sprechen zu können.

Das alles scheint aber nebensächlich zu sein und es existieren Hinweise darauf, dass es seitens der Behörde Überlegungen gibt, einfach Flächen bei anderen Zieselvorkommen, wie z. B. am Bisamberg als Ausgleich für den Wegfall hier anzurechnen.

Bei einer ersatzlosen Zerstörung von ca. ⅓ des Bestandes wären die Folgen für das gesamte Zieselvorkommen beim Heeresspital mit hoher Wahrscheinlichkeit  katastrophal. In ihrem Zieselaktionsplan [9] stellt die MA 22 selbst fest, dass 500-1500 fortpflanzungsfähige Individuen nötig sind, um ein langfristiges Überleben einer Ziesel-Population zu gewährleisten. Fällt nun der Lebensraum von ca. 170 erwachsenen Tieren weg, wird wohl auch mittelfristig der Gesamtbestand reduziert, möglicherweise unter die kritische Marke von 500, was die handelnde Wiener Umweltschutzbehörde offenbar nicht besonders stört.

Alles deutet darauf hin, dass die große Zieselpopulation beim Wiener Heeresspital aufgegeben werden soll. Eine Schwächung und Auslöschung dieses bedeutenden Vorkommens würde somit von der Umweltschutzbehörde in Kauf genommen, anstatt für den Schutz und Erhalt dieser selten gewordenen und deshalb streng geschützten Tiere Sorge zu tragen. Alles in allem bedeutet das nichts anderes, als eine Bankrotterklärung des Artenschutzes in Wien sowie auch der von der Politik propagierten Vereinbarkeit von Wohnbau und Artenschutz.

Vereinbarkeit von Artenschutz und Wohnbau à la SPÖ
So sieht es also letztendlich aus, wenn in der Umweltungustlstadt Wien die “Vereinbarkeit von Wohnbau und Artenschutz” von der SPÖ ausgerufen wird [10] – es wird unabhängig vom Ausgang der Schutzmaßnahmen betoniert.

So braucht es auch niemanden zu wundern, dass Österreich in einem umweltbezogenen Ranking wieder einmal den begehrten ersten Platz unter allen EU-Ländern belegt – beim schlechten Erhaltungszustand geschützter Arten nämlich. Nirgendwo in der EU befinden sich mehr geschützte Arten in einem problematischen Erhaltungszustand als in Österreich [11].

[1] Kurier – Laut Gutachten stören Bagger die Ziesel nicht
[2] Kruier – Strafanzeige nach rechtswidriger Baggerung auf Ziesel-Areal
[3] Aktualisierung von Zieseldaten in Wien (Oktober 2013 bis Oktober 2015) Endbericht
[4] MA 22 – 593/2012 Wien 21, Flächen nördlich des Heeresspitals Bewilligung nach dem Wiener Naturschutzgesetz
[5] DerStandard – Ziesel Zank rund um Bauprojekt bei Heeresspital geht weiter
[6]  Die Presse – Sozialbau: Höhere Gagen als erlaubt
[7] Kurier – Hysterie um geschützte Tiere schadet dem Artenschutz
[8] Gutachten der MA 18 zum öffentlichen Interesse
[9] Zieselaktionsplan Wien
[10] Kurier – Grün-Blau gegen Grün-Rot: Ziesel-Debatte im Rathaus
[11] Politico – Europe’s Environmental Bad Guys

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