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Keinen Weihnachtsfrieden gibt es für die Ziesel auch südlich des Heeresspitals. Stattdessen ein erstklassiges Begräbnis für den Artenschutz in der selbsternannten Umweltmusterstadt Wien. Der Skandal: Obwohl die MA 22 von der Umweltanwaltschaft Zieselbaue gemeldet bekommt, akzeptiert diese ein Gutachten des Bauträgers, das die Zieselfreiheit der Fläche bescheinigt.

Seit Montag gräbt sich ein Bagger durch die im Besitz eines Bauträgers stehende landwirtschaftlich gewidmete Fläche südlich des Heeresspitals. Insgesamt wurden bis jetzt, über fast die gesamte Fläche verteilt, mehr als 30 ca. 3m tiefe Gruben für Sondierungsgrabungen ausgehoben. Dagegen ließe sich nichts sagen, wenn diese Grabungen nicht inmitten eines sich derzeit im Winterschlaf befindlichen Zieselvorkommens stattgefunden hätten. Also mitten im Ziesellebensraum , und mitten in der Winterstarre der strengstens geschützten Tiere. Ob und wie viele Tiere dabei getötet wurden, lässt sich nicht sagen – jedoch können die Tiere derzeit auf Beschädigungen oder Zerstörung ihrer Schlafkammer nicht reagieren – ein sicheres Todesurteil für sie. Dabei zählen Ziesel nicht nur nach dem Wiener Naturschutzgesetz zu den streng geschützten Tierarten mit prioritärer Bedeutung, sondern sind auch EU-weit nach der FFH-Richtlinie streng geschützt, ebenso wie ihr Lebensraum.

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Zieselvorkommen beim Heeresspital – Bestandsdaten: MA 22, Ilse Hoffmann, Knoll Consult, IGL-Marchfeldkanal.

Umweltbehörde schaut zu und findet nichts dabei
Die Wiener Umweltbehörde MA 22  dürfte über die Arbeiten unterrichtet gewesen sein, denn sie verweist auf ein im Auftrag des Bauträgers erstelltes Gutachten, in dem die Fläche schlichtweg für zieselfrei erklärt wird. Diesem schenkt die Behörde mehr glauben, als dem Wissen der eigenen Mitarbeiter sowie Beobachtungen der Umweltanwaltschaft (entsprechender Mailverkehr liegt uns vor). Während diese Information in der MA 22 einer kollektiven Amnesie zum Opfer gefallen zu sein scheint, dürfte man sich bei der Umweltanwaltschaft noch daran erinnern [1].

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Sondierungsarbeiten, 5.12.2017. Im Hintergrund zahlreiche Erdhaufen

Das von der Behörde akzeptierte Gutachten basiert offenbar auf einer Begehung der Fläche in der zweiten Septemberhälfte(!), bei der keine aktiven Zieselbaue auf der Fläche feststellen werden konnten. Das ist insofern eher wenig verwunderlich, als die ersten Ziesel sich bereits Mitte August in den Winterschlaf zurückziehen, und die letzten (heurige Jungtiere) Anfang Oktober in ihren Bauen verschwinden. Ende September ist also ein günstiger Zeitpunkt, wenn man es nicht so genau nehmen möchte und möglichst keine genutzten Zieselbaue finden will. Um das Übersehen möglicher Baue noch leichter zu gestalten, wurde die auf dem Großteil der Fläche angebaute Hirse kurz davor eingemulcht – der Boden war also flächendeckend mit gehäckseltem Hirsestroh bedeckt. Die Aussagekraft eines unter solchen Bedingungen entstandenen Gutachtens ist also mehr als fraglich, außer man wollte möglichst nichts finden, ein anderer Erklärungsversuch lässt sich unter den gegebenen Umständen selbst mit blühendster Phantasie nicht finden.

 

Grabungen nördlich und südlich des Heeresspitals – selbes Zieselvorkommen, zwei Welten.
Selbst wenn die Behörde – ohne eigene Daten erhoben zu haben – davon ausgeht, dass sich tatsächlich keine Ziesel mehr auf der Fläche befinden, stellt sich die Frage, warum für Erdarbeiten im Süden des Vorkommens plötzlich nicht dieselben Auflagen gelten sollen, wie für Arbeiten im Norden, befindet sich doch unmittelbar daneben unbestritten das Vorkommen am Heeresspitalgelände. Lange Zeit wurde den Bauträgern nördlich des Heeresspitals dies und das abverlangt, so z.B. einen Mindestabstand von 50m zwischen Baustelle und dem nächsten Zieselbau gefordert oder die laufende Bautätigkeit nur unter Einhaltung von Erschütterungsgrenzwerten bei den Arbeiten genehmigt [2] (wie sehr dabei auf die strenge Einhaltung dieser Auflagen Wert gelegt wurde und wird, ist wiederum ein anderes Thema). Bei der Baustelle wurden eigens mehrere Erschütterungsmessstellen installiert, die erlaubten Höchstwerte für die Zeit des Winterschlafs besonders niedrig angesetzt.

Südlich des Heeresspitals ist das alles jedoch scheinbar kein Thema mehr für die Wiener Umweltschutzbehörde, obwohl da wie dort ein Bagger Erde schaufelt und beides das selbe Zieselvorkommen betrifft. Weder wurde dort auch nur annähernd ein 50m Radius beachtet, noch waren Erschütterungsmessstationen zu sehen. Man könnte fast meinen, die Auflagen zum Schutz der Ziesel nördlich des Heeresspitals seien nur erlassen worden, um die Kritiker des Bauprojekts zufrieden zu stellen – die im südlichen Teil des Vorkommens fehlen, genauso wie etwaige Anrainer. Mit ehrlichen Schutzbemühungen zum Wohl der extrem vom Aussterben bedrohten Tiere hat das Ganze nichts zu tun. Im Lichte der jetzt durchgeführten Erdarbeiten lässt sich sogar eher das Gegenteil vermuten.

Aktuelle eigene Kartierungen zu dem Vorkommen besitzt die Behörde nicht. 2015 wurde in allen Wiener Zieselvorkommen nördlich der Donau ein Monitoring durchgeführt um das Wissen um Bestandszahlen und Verbreitungsgebiete aufzufrischen [3]. Diese Zählungen sollen alle sechs Jahre wiederholt werden. In allen Vorkommen? Leider nein, denn die Umgebung des Heeresspitals wurde als einzige von der behördlichen Zählung ausgenommen, da hier ein laufendes Monitoring im Auftrag der Bauträger beim bestehenden Bauprojekt stattfindet. Wenig überraschend beschränkt sich das Monitoring der Bauträger im Wesentlichen auf die (eigene) Projektfläche nördlich des Heeresspitals. Das Gelände des Heeresspitals sowie die jetzt betroffenen Flächen südlich davon, wurden zuletzt 2011 untersucht [4]. Da die MA 22 nun über keine selbst erhobenen Daten über den Zieselbestand auf den besagten Flächen verfügt, können vorgelegte Gutachten auch nicht einfach gegengeprüft werden. Den Bauträger wird das wahrscheinlich nicht sonderlich stören.

Im Zweifelsfall für den Bauträger
Um der MA 22 bei ihrer (über)anstrengenden Tätigkeit in Sachen Artenschutz behilflich zu sein, hat die Bürgerinitiative Igl Marchfeldkanal bereits im Jahr 2013 beschlossen, die Dokumentation der Ziesel-Bauverteilung südlich des Heeresspitals selbst selbst in die Hand zu nehmen. Seither führt die IGL-Marchfeldkanal jährlich im April oder Mai eine Begehung der Fläche sowie eine Erfassung der GPS-Koordinaten aufgefundener Baueingänge durch. Dies ist der optimale Zeitpunkt für eine Kartierung, da alle Tiere bereits wach sind und die Vegetation noch nicht übermäßig ausgeprägt ist. Auch zählt man Jungtiere noch nicht mit, von denen nur ein Bruchteil das nächste Jahr erleben wird. Zu diesem optimalen Zeitpunkt hätte freilich auch der Bauträger kartieren lassen können.

Die von uns erfassten Daten haben wir bereits vor Monaten der Behörde zur Verfügung gestellt [5], welcher folglich die Diskrepanz zwischen dem kontinuierlichen Besiedlungsnachweis unsererseits und dem “Zieselfrei”-Gutachten des Bauträgers aufgefallen sein müsste. Unsere Begehungen erfolgten zum Teil in fachlich kompetenter Begleitung, an der Glaubwürdigkeit unserer Befunde sollte es also nicht gelegen haben.

Nach der offiziellen Kartierung 2011 wurde die Fläche noch bis 2013 landwirtschaftlich genutzt, seither jährlich im Sommer gemäht, womit sie weiterhin als Lebensraum geeignet blieb. Die 2011 kartierten ca. 35 Baue wuchsen im Laufe der Jahre auf ca 100 im Frühjahr 2016 an. Im selben Jahr will der Bauträger (nach einer extrem späten Mahd Ende September) keine Ziesel mehr auf der Fläche festgestellt haben [6].

Anfang  Mai 2017 konnten wir zwar deutlich weniger Baue als im Vorjahr feststellen, die Fläche war aber eindeutig weiterhin besiedelt. Ende Juni wurde die Fläche gepflügt und Hirse ausgesät.

Mitte September wurde das Getreide eingemulcht (womit sich die Frage nach dem Zweck solcher “landwirtschaftlicher” Tätigkeit stellt). Trotz mit Stroh bedecktem Boden konnten wir mehrere Baueingänge sowohl auf der Ackerfläche als auch in den umgebenden Grasstreifen feststellen. Ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als zum zweiten Mal die offizielle “Zieselfreiheit” festgestellt worden sein dürfte. Wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg, auch beim Zieselschutz, ob sich das bis zur MA 22 durchgesprochen hat, wissen wir nicht, denn in der oben beschriebenen Vorgehensweise der Behörde ist der Wille das Vorkommen beim Heeresspital wirksam zu schützen, nicht zu erkennen.

Was sich südlich des Heeresspitals vor aller Augen abspielt ist ein Begräbnis des Artenschutzes und der “Umweltmusterstadt Wien” erster Klasse. Wollen wir wirklich untätig erste Reihe fussfrei zuschauen?

 

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* * *


Wissen über die Ziesel südlich des Heeresspitals:

  • Juli 2011: Artenkartierung im Auftrag der MA 22
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  • August 2013: Letzte Ernte, Kurz darauf Probegrabungen.

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    Feld nach der Ernte 2013, Spur von Baggerung, rechts unten Zieselbau

  • April 2014 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal, südliches Eck wurde ausgelassen. Mahd mitte August.

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    56 Bau-Ein- und Ausgänge

  • April 2015 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal, südliches Eck wurde ausgelassen. Mahd Juni/Juli

    sued-2015

    84 Bau-Ein-und Ausgänge

  • April 2016 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal. Mahd Ende September

    sued-2016

    133 Bau-Ein-und Ausgänge

  • Vermutlich nach Mahd Ende September – erstmalige „Feststellung“ der Zieselfreiheit der Fläche im Auftrag des Bauträgers
  • Anfang Mai 2017 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal

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    79 Bau-Ein-und Ausgänge

  • Mai 2017: Mahd
  • 2 Junihälfte 2017: Pflügen und Aussaat von Hirse – auf der Fläche sind weiterhin Zieselbaue zu finden.

  • Mitte September 2017: Hirse wird eingemulcht und liegengelassen.  Begehung durch IGL-Marchfeldkanal

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    36 Bau-Ein-und Ausgänge

  • September 2017: Umweltanwaltschaft meldet Baue im südlichen Teil sowie an Nordgrenze.
  • September 2017: Abermals wird  „Zieselfreiheit“ der Fläche im Auftrag des Bauträgers festgestellt.

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    durchgehend mit zerkleinertem Stroh bedeckter Boden

  • Dezember 2017: Probegrabungen
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[1] Rückmeldung Wiener Umweltanwältin zu den Grabungen
[2] Wohnbauprojekt nördlich Heeresspital – Maßnhme Erschütterungen
[3] Aktualisierung von Zieseldaten in Wien (Oktober 2013 bis Oktober 2015)
[4] Artenkartierung Europäisches Ziesel und Feldhamster in Wien 21 – Heeresspital und Umgebung östlich Brünner Straße
[5] Mail an MA 22 vom 22.6.2017 zu Flächen südlich des Heeresspitals
[6] Schon wieder Alarm um die Ziesel

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Eines wurde seit dem Bekanntwerden der Zieselpopulation auf dem Bauland nördlich des Heeresspitals 2011 immer unverändert verlautbart: Gebaut darf auf einem Baufeld erst werden, wenn es alle Ziesel verlassen haben [1][2][3][4][5]. Wirklich?

Ein scheinbar immenser Aufwand wurde seitens Behörde und Bauträgern betrieben, um die auf den westlichen Baufeldern von Familienwohnbau und Kabelwerk lebenden, in ihrem Lebensraum streng geschützten Ziesel zu vertreiben. Jahrelanger Verbuschung folgte der Bodenabtrag und die Abdeckung mit Bauvlies. Zusätzlich sollte anscheinend ein “zieseldichter” Bauzaun verhindern, dass Tiere auf die geräumte Fläche zurückwandern. Man hat die Rechnung aber ohne die Ziesel gemacht.

Weitab von den “offiziell” besiedelten Flächen, tief Im Baufeld der Familienwohnbau wurde nun ein Ziesel gefilmt. Nachdem bereits in der jüngeren Vergangenheit an der betreffenden Stelle Ziesel gehört und gesehen wurden, ist davon auszugehen, dass es sich hierbei nicht um einen unternehmungslustigen Ausflügler handelt, sondern, dass es in unmittelbarer Umgebung (also auf der Baustelle) seinen Bau hat. Nachdem auf dieser Fläche vor der Räumung nur noch ein Ziesel gelebt haben soll [6], liegt die Erfolgsquote der Räumung somit bei 0%.

Auflagen aus Gummi

Zur PR-Show namens “Wohnbau und Artenschutz sind vereinbar” gehörten neben der Beteuerung, nur auf zieselfreien Flächen bauen zu wollen, auch “Maßnahmen” die sicherstellen sollten, dass die auf den umgebenden Flächen lebenden Ziesel nicht durch die Bautätigkeit zu Schaden kommen. So wurde anfänglich jahrelang öffentlich betont, dass zwischen Bautätigkeit und dem nächstgelegenen Zieselbau ein Sicherheitsabstand von 50 m einzuhalten sei [7][8][11]. Um diese erfreulich klingende Forderung wurde es allerdings plötzlich sehr still, als man merkte, dass dies 2017 den Baustart auf den ersten Baufeldern unmöglich machen würde. Als situationselastische Alternative wurden daraufhin “Erschütterungsschwellwerte”, die beim Baustellenbetrieb einzuhalten seien, aus dem Hut gezaubert [9]. Bei einer Nicht-Überschreitung dieser würden sich die Ziesel auch nicht gestört fühlen, wurde aus Vergleichsmessungen nahe einer Bahnstrecke bei Mannswörth freihändig geschlossen. Es folgte auch eine Absichtserklärung der Bauträger:

Im Falle von bis zu zwei Überschreitungen pro Tag dürfen die Bauarbeiten bei größter Sorgfalt zur Vermeidung weiterer Überschreitungen 24 Stunden lang fortgeführt werden. Innerhalb dieses Zeitraumes hat jedoch eine Abklärung mit der Erschütterungstechnischen Bauaufsicht zu erfolgen und ist eine Freigabe der weiteren Bauarbeiten durch dieselbe erforderlich.
Ab 3 Überschreitungen pro Tag sind unmittelbar Maßnahmen zu setzen, welche weitere Überschreitungen verhindern. Für die Fortführung der Bauarbeiten ist die Zustimmung der erschütterungstechnischen Bauaufsicht erforderlich [9].

Nun liegen uns Messprotokolle [10] der drei Messstationen [11] im Baustellenbereich vor. An einem der Messpunkte wurde an mehreren Tagen bis zu siebenmal(!) der erlaubte Höchstwert (Maximalwert 28 mm/ s²) überschritten – ohne erkennbare Folgen für den Baubetrieb.

Die Reaktion der zuständigen Wiener Umweltbehörde darauf? Im begleitenden Schreiben zu den Messprotokollen meint sie lapidar

Die Wahrnehmung sowohl der ökologischen Auf-sicht als auch unserer Amtssachverständigen ist, dass Ziesel durch die Bautätigkeiten nicht beeinträchtigt wurden.[12]

Dumm, dass die Schwellenwerte keine bindenden Auflagen darstellen, da zur Genehmigung der Bautätigkeit ja kein ordentliches naturschutzrechtliches Verfahren durchgeführt wurde. Dieses war/ist laut Behörde auch nicht notwendig, da die Bauträger glaubhaft versichert haben, freiwillig die Erschütterungsgrenzwerte einzuhalten, um somit die Ziesel (die man eigentlich loswerden möchte) in der Umgebung keinesfalls zu beeinträchtigen…

Nachdem nun nach Aussage der Umweltbehörde auch bei Grenzwertüberschreitung keine Beeinträchtigungen der Ziesel wahrzunehmen sind – wobei hier von einer Wahrnehmung und nicht von einem Beweis die Rede ist – dürften bei der Genehmigung der Bautätigkeit auf der frisch geräumten Fläche der Sozialbau sowie des ÖVW die letzten Hemmschwellen fallen (Baueingänge finden sich dort direkt am Bauzaun). Man scheint inzwischen der Meinung zu sein, dass Bautätigkeit Zieseln prinzipiell egal ist, solange keine Baggerschaufel mitten durch die Nestkammer des Zieselbaus fährt.

Angesichts der offiziell verkündeten Harmlosigkeit von Baustellenbetrieb und dichter Wohnbebauung in direkter Nachbarschaft stellt sich allerdings die Frage, warum es anderenorts keine Zieselvorkommen in vergleichbarer Umgebung gibt. Schließlich müsste es unter diesen Voraussetzungen in etlichen Favoritner und Floridsdorfer Wohnanlagen von Zieseln nur so wimmeln.

Eines kann man jedoch als gesichert annehmen: Rechtzeitig vor dem Verschwinden des letzten Ziesels werden uns die Vertreterinnen und Vertreter der Wiener Stadtpolitik wie üblich aus diversen Medien großformatig lächelnd verkünden, wie großartig Wien doch Wohnbau und Artenschutz vereinbar macht.

[1] Kronen Zeitung 26.5.2012 – Es werden hier keine Maschinen auffahren solange es Ziesel gibt
[2] Wien Heute – 2013
[3] Wien Heute – 5.11.2013
[4] Wien Heute – 21.6.2015
[5] Heute – 4.4.2016
[6] Wiener Bezirkszeitung – 12.4.2016
[7] DerStandard – 9.10.2014
[8] BZ – 11.2.2016
[9] Maßnahme Erschütterungen, Unterlagen Messungen
[10] Erschütterungsmessprotokolle 04.2017-07.2017
[11] Übersichtplan Erschütterungsmonitoring
[12] Begleitschreiben zu Erschütterungsmessprotokollen

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Ziesellebensraum südlich des Heeresspitals während der Jungenaufzucht zerstört – Säugende Muttertiere ohne Nahrung  – Bauträger kaufte landwirtschaftlich gewidmete Flächen – nach Vertreibung problemlose Umwidmung in Bauland erhofft?

Eine in besonders korrupten Ländern beliebte Methode zur “Landverwertung” ist das Abfackeln von Wald an baulich attraktiven Standorten[1]. Ist der geschützte Wald erst mal abgebrannt, steht einer Umwidmung zu Bauland oft nichts mehr im Wege. Die kreative österreichische Variante der Schaffung vollendeter Tatsachen ist die offenbar immer populärer werdende Taktik des „Zieselpflügens“.

Durch das Entziehen der Lebensgrundlage mittels Zerstörung der Vegetation, sollen die lästigen Ziesel früher oder später von der Bildfläche verschwinden. Nördlich des Heeresspitals tauchte Ende Juni 2011, kurz nach der ersten Meldung des dortigen Zieselvorkommens an die Behörden, ein Traktor auf, um zu einem landwirtschaftlich absolut unsinnigen und für die Jungziesel denkbar ungünstigen Zeitpunkt die Fläche umzupflügen. Zum Glück für die dort lebenden und unter strengstem Naturschutz stehenden Ziesel waren sofort Anrainer sowie Aktivisten des von ihnen benachrichtigten Wiener Tierschutzvereins und von Vier Pfoten zur Stelle. Der Traktor konnte gestoppt werden, nur ein Bruchteil des wertvollen Ziesel-Lebensraums wurde damals zerstört.

Die Ziesel südlich des Heeresspitals hatten nun leider nicht so viel Glück, wie ihre Verwandten nördlich davon. Südlich des Heeresspitals gibt es keine Nachbarn, die auf verdächtige Aktivitäten aufmerksam werden könnten. Nur die, wie üblich scheinbar in einer Art Wach-Koma befindliche Wiener Umweltbehörde, deren bisheriges Verhalten bei Bauträgern keinerlei Repekt gegenüber Naturschutzgesetzen hervorzurufen vermag und einen gewaltigen Kontrollverlust in Sachen Umweltschutz erahnen lässt, sowie auf der anderen Seite einen Bauträger als Grundeigentümer – „Neues Leben“. Unvermeidlich drängt sich da die Frage auf, warum ein Bauträger eine landwirtschaftliche Fläche erwirbt – wohl kaum, um dort Getreide anzubauen. Für einen Bauträger wird ein solches Geschäft nur dann attraktiv, wenn im Hintergrund einigermäßen verlässlich eine lukrative baldige Umwidmung in Bauland winkt, bekanntes Zieselvorkommen hin oder her. Sobald auf einer solchen Fläche der Traktor mit dem Pflug unterwegs ist, handelt es sich wohl kaum um landwirtschaftliche Maßnahmen, sondern um die brutale Durchsetzung von Profit-Interessen. Nun hat der Traktor auch südlich des Heeresspitals sein Werk getan. Die Vegetation und somit die Nahrungsquelle der dort lebenden Ziesel wurde vor einigen Tagen durch Eggen oder Grubbern des Bodens einfach zerstört, und das zu einem katastrophalen Zeitpunkt: Die Jungtiere sind noch nicht selbständig und auf Muttermilch angewiesen. Wenig Futter bedeutet wenig Milch. Geschwächte Jungtiere werden bis zum Winterschlaf kaum aufholen können und diesen, sofern sie ihn überhaupt erleben, kaum überleben. Aus diesem Grund wird sogar in sämtlichen naturschutzrechtlichen Ausnahmebescheiden, die die Zerstörung von Ziesellebensraum genehmigen, jeglicher Eingriff zwischen Anfang Mai (Geburt der Jungtiere) und Ende Juni (Selbständigkeit) verboten [2]. Dazu kommt noch, dass abwandernde Ziesel die Population im Heeresspital zusätzlich unter Druck setzen, die von Norden her ohnehin mit dem altbekannten Bauprojekt und dem damit einhergehenden Lebensraumverlust zu kämpfen hat.

 

Population seit 2011 bekannt

Dabei ist die Zieselpopulation südlich des Heeresspitals zumindest seit 2011 amtsbekannt und gut dokumentiert. Die Wiener Umweltabteilung MA 22 hielt das Heeresspitalvorkommen für derart gut erforscht (es gibt lediglich für den Teil nördlich des Heeresspitals ein laufendes Monitoring), dass sie auf eine Kartierung im Zuge der Neukartierung aller Wiener Zieselvorkommen 2013-2015 beim Heeresspital als einzigem Vorkommen(!) verzichtete.

2011 stellte Dr. Ilse Hoffmann im Auftrag der MA 22 [3] in dem frisch abgeernteten Feld 34 Baue fest (siehe „Abbildung 2“). 2013 wurde die Bewirtschaftung eingestellt, die Fläche aber weiterhin einmal jährlich gemäht, womit der Lebensraum für die Ziesel geeignet blieb. Seit 2014 erfasst die IGL-Marchfeldkanal jeweils im Frühjahr die vorhandenen Zieselbaue und ihre GPS Koordinaten:
Im April 2014 wurden 56 Bau-Ein- und Ausgänge gezählt, alle auf der nun verwüsteten Fläche.

April 2015: 84 Baue.

April 2016: 133 Baue.

Mai 2017: 79 Baue.

 

Umgehung von Gesetzen – mit Billigung der Politik?

Ist also kaufen, rücksichtslos vertreiben und umwidmen lassen, inzwischen ein in Wien funktionierendes Rezept zur “Baulandverwertung” geworden? Und das unter den Augen der Stadtregierung bzw. der mitregierenden Grünen, deren Ressort für Widmungen zuständig ist? Ziesel sind europaweit strengstens geschützt, das Töten und Fangen sowie die Zerstörung ihrer Ruhe- und Fortpflanzungstätten sind streng verboten. Mutwilliges Herbeiführen eines Futtermangels um das Nest zerstört eindeutig seine Eignung als Fortpflanzungsstätte. Ein Tolerieren solcher – einen recht eindeutigen Zweck verfolgenden – unverschämten Praktiken führt jeglichen Artenschutz ad absurdum. Sieht die Politik im „Umweltmusterland“ Österreich tatenlos zu, wenn mit wohlplatzierten “landwirtschaftlichen Maßnahmen” Artenschutzgesetze ausgehebelt werden? Wie weit ist es mit der „Gemeinnützigkeit“ eines Bauträgers her, wenn er im Zuge seiner Tätigkeit unnötig wertvolles Gemeingut zerstört? Angesichts solcher Winkelzüge ist es auch gar nicht verwunderlich, dass das 2010 von der EU im Rahmen der “EU 2020 BIODIVERSITY STRATEGY“ gesetzte Ziel, innerhalb von 10 Jahren den Rückgang der Artenvielfalt zu stoppen, auf dem allerbesten Weg zum Scheitern ist [4].

Das „Zieselproblem“ beim Heeresspital ist der Baubranche seit 6 Jahren bekannt. Trotzdem fühlt man sich nicht bemüßigt, mit den Tieren rechtlich korrekt umzugehen. Wir verlangen eine lückenlose Aufklärung und Konsequenzen für die Verantwortlichen, sowie ein klares Bekenntnis der Stadtpolitik zum Artenschutz und damit den sofortigen Stopp solcher dreister Vorgehensweisen, deren Beispiel inzwischen immer mehr Schule macht. Das Schaffen vollendeter Tatsachen darf sich nicht mehr lohnen – der beschädigte Ziesellebensraum sowie die bisherigen Populationsdichten müssen wiederhergestellt und erhalten werden!

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Machen Sie sich selbst ein Bild bei der Zieselführung am 25.6.2017, 14:00!

[1] WWF Waldbrandstudie
[2] Umweltinformationen aus dem Bescheid vom 16.11.2015 zur Zahl: 141149/2015 und den zugrunde liegenden Gutachten
[3] Artenkartierung Europäisches Ziesel und Feldhamster in Wien 21 – Heeresspital und Umgebung östlich Brünner Straße
[4] Mid-Term Assessment of Progress on the EU Biodiversity Strategy

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Für die streng geschützten Ziesel nördlich des Heeresspitals wird es nun im wahrsten Sinne des Wortes eng. Während der Bestand seit Jahren gleich bleibt, wird seit April ca. ein Drittel der Projektfläche mit Erlaubnis der Wiener Umweltbehörde MA 22 für Ziesel unbewohnbar gemacht. Hatten die 260 Tiere im Jahr 2014 dort noch ca 6 ha Lebensraum zur Verfügung, sind es nun nur mehr 4 ha. Auch wenn durch unterlassene Pflege erreicht wurde, dass die nun bearbeiteten Flächen angeblich von Zieseln verlassen wurden, hat man das Ziesel-“Problem” lediglich innerhalb der Projektfläche verlagert, die geflüchteten Tiere stauen sich jetzt nämlich auf den übrigen zur Verbauung vorgesehenen Arealen, während man auf den Ausgleichsflächen weitgehend vergeblich nach Spuren von Zieseln sucht. Auf dem durch die “Zieselbrücke” angebundenen größeren Teil der Ausgleichsflächen war trotz intensiver Nachschau durch die IGL-Marchfeldkanal kein einziger Bau zu finden, lediglich eine direkt an das Heeresspital grenzende Teilfläche wird nach und nach von dort aus besiedelt.

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Abtragungsarbeiten – von der vorgeschriebenen Aufsicht keine Spur.

Trotz geschrumpftem Lebensraum könnte die bedrängte Population heuer wieder einen Rekordstand erreichen: Wurden im April 2015 104 benutzte Baue gezählt[1], so waren es heuer ganze 147[2] (Der Bestand ist nach dem Winterschlaf am niedrigsten und wächst durch die Jungtiere bis zu einem Maximum im Sommer).

Den Jungtieren, die sich um diese Jahreszeit selbstständig machen und auf den Winter vorbereiten müssen, um diesen zu überleben (u. a. eigene Baue anlegen und sich nebenbei Fett für ein halbes Jahr Winterschlaf anfressen), weht ein rauher Wind entgegen. Nicht nur, dass wie von der Behörde genehmigt, auf dem westlichsten Teil die oberste Erdschicht abgetragen und Bauviles ausgelegt wird, geht das Abdrängen der Tiere im Sinne einer Salamitaktik durch partielles Nicht-Mähen auf angrenzenden Teilen der Fläche unbeirrt weiter. Womit der für Ziesel geeignete enge Lebensraum noch weiter verkleinert wird. Auch auf der noch gemähten Fläche wird das Mahdgut nur zum Teil entfernt, d. h. die Pflege in diesen Bereichen ist bei weitem nicht optimal.

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Weitere Teilflächen werden nicht gemäht

Die von der IGL-Marchfeldkanal befürchtete Anwendung einer Salamitaktik (stückweises verbuschen lassen mit anschließendem Bodenabtrag wenn die Fläche von Zieseln großteils verlassen wurde) scheint sich also, wenig überraschend, brutal zu bewahrheiten.

Ungewisse Zukunft

Die Zukunft der Zieselpopulation beim Heeresspital hängt davon ab, ob die Wiener Umweltbehörde ihrem Umweltschutz-Auftrag entsprechend auf die “kreative” Vorgehensweise der Bauträger reagieren kann – und vor allem will. Die bisher seltsam genug klingende Argumentation, die Behörde könne nur beurteilen was eingereicht wird (in diesem Fall nur eine Baufeldfreimachung), sollte die Behörde nicht davon abhalten, sich den Kopf einmal drüber zu zerbrechen, ob einer Baufeldfreimachung nicht doch noch flugs ein Bauvorhaben folgen könnte, welches Auswirkungen über die Baufeldgrenze hinaus besitzt die hier unbedingt zu berücksichtigen wären. Bei einem Autobahnbau wäre es undenkbar, die Planierung des Geländes unabhängig von der Genehmigung des eigentliches Straßenbaus zu verhandeln. Im Wiener Wohnbau ist es offenbar kein Problem.

Ein großer Schelm, der denkt, die Projektwerber hätten einfach aus Jux und Tollerei einen Bodenabtrag eingereicht und durchgeführt, ohne davon ausgehen zu können, dass ein in Folge eingereichtes Bauvorhaben ebenfalls genehmigt wird.

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Abgetragene Flächen in schwarz

Dementsprechend spannend wird es, das Verhalten der Behörde in Bezug auf die ab September angekündigte Bautätigkeit zu beobachten, schließlich begeben sich Ende August die ersten Ziesel in die Winterruhe. Die beiden abgetragenen Projektflächen Kabelwerk/Familienwohnbau (a) sowie ÖVW (Österreichisches Volkswohnungswerk) (b) grenzen direkt an von Zieseln besiedelte Gebiete, im Fall des ÖVW sind es keine zwei Meter von der Baufeldgrenze zum nächsten Zieselbau. Insbesondere Aushub mit schweren Maschinen und Sicherung der Baugrube (Eintreiben von Spundwänden, Betonbohrungen) sind nicht ohne massive Erschütterungen durchführbar, womit Ziesel immer wieder aus der Winterstarre gerissen werden dürften und massiv Energie verbrauchen, die ihnen in der Endphase des Schlafes fehlen und zu hoher Wintersterblichkeit führen wird. Frühere Aussagen seitens der Umweltanwaltschaft, wonach Auswirkungen auf Tiere ausserhalb der Grundstücksgrenze bei einem Verfahren nicht berücksichtigt werden können, sowie Aussagen des Kabelwerkgeschäftsführers, man erwarte ein Zurückweichen der Tiere vor Störungen [3], lassen nichts Gutes erwarten.

Auch die Auswirkungen des Betriebs der Anlage müssten korrekterweise durch die MA 22 für eine Entscheidung berücksichtigt werden, welche Auswirkungen also ca 300 neue Nachbarn mit ihren (laut Statistik [4]) 30 Hunden und 70 Katzen auf den nun mehr direkt an der Hausmauer beginnenden Ziesellebensraum haben. Die früher große Zieselpopulation in Percholtsdorf zum Beispiel konnte nur mittels teilweiser Einzäunung vor dem völligen Zusammenbruch aufgrund von “Freizeitdruck” gerettet werden [5].

Zauneidechsen: Nun auch amtlich

Als von der IGL-Marchfeldkanal im April auf die vom Abtrag der Grasnarbe betroffenen Zauneidechsen hingewiesen wurde, war die Reaktion einiger Medien – bei einigen nicht unerwartet – eine zynisch-verharmlosende Belächlung bis hin zur Verunglimpfung. [6]. Nun jedoch bestätigt die Behörde: Insgesamt wurden von der Fläche bisher 42 Zauneidechsen vertrieben [7]. Nachdem laut Fachliteratur immer nur ein geringer Teil einer Population zur gleichen Zeit an der Oberfläche beobachtbar ist, was Bestandsschätzungen schwierig macht [8], ist davon auszugehen, dass auf der Fläche wesentlich mehr Tiere leb(t)en. Auch wurde nochmals betont, dass für Zauneidechsen keine Ausnahmegenehmigung erlassen wurde. Das alles vor dem Hintergrund der Schutzwürdigkeit der Zauneidechse, welche gemäß der Wiener Naturschutzverordnung in die gleiche Schutzkategorie wie das Ziesel fällt und demnach Lebensraumschutz im gesamten Stadtgebiet genießt. Am Beispiel der Zauneidechse kann man sich ausmalen, wie es auch den Zieseln in Wien ergehen würde, hätte die EU hier nicht ein scharfes Auge drauf…

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Ausgleichsfläche für Zauneidechsen

Spätestens bei der Abtragung der Projektfläche entlang der Johann-Weber Strasse wurde die Fehleinschätzung der Behörde, die Fläche sei kein Zauneidechsenlebensraum, offensichtlich: Die Arbeiten wurden nach wenigen Tagen (Anfang April) abgebrochen und erst Ende Mai fortgesetzt – nachdem ein neuer Bescheid erlassen wurde [9]. Als Ersatzlebensraum wurden ehemals als Zieselausgleichsflächen vorgesehene Flächen und Teile der Marchfeldkanalböschung ausgewählt und entsprechend umgestaltet. Die Kontrolle, ob die Tiere den neuen Lebensraum tatsächlich annehmen und die Ausgleichsmaßnahmen wirksam sind, erfolgt natürlich erst wenn der ursprüngliche Lebensraum längst unumkehrbar zerstört wurde. Sollten die neuen Flächen von den Eidechsen nicht angenommen werden – haben sie Pech gehabt.

Petition: im Ausschuss versandet

Bei einer abschließenden Behandlung der Zieselpetition im Wiener Petitionsausschuss[10] wurden sämtliche Forderungen der Petition abgelehnt, nämlich die Absiedlung des Bauprojekts auf geeignete Ersatzflächen sowie die Einrichtung eines für Ziesel geeigneten Schutzgebiets rund um das Heeresspital. Dies ist schwer nachvollziehbar, sind die Rahmenbedingungen seit Bekanntwerden des Zieselvorkommens doch vollkommen andere als zum Zeitpunkt der Widmung, als die Zieselpopulation nördlich des Heeresspitals  – zumindest offiziell – nicht bekannt war.

Mit dem heutigen Wissensstand würde niemand ernsthaft eine Baulandwidmung für das Gelände befürworten können, da das erklärte Ziel der Politik, hier “leistbaren” Wohnraum zu schaffen angesichts der bisher kolportierten 2 Mio Euro [3] durch naturschutzrechtliche Auflagen verursachter Zusatzkosten ad absurdum geführt wird. Politisch Verantwortliche (Michael Ludwig, Maria Vassilakou) müssten eigentlich an einer raschen Realisierung neuen Wohnraums an geeigneteren Orten Interesse haben, anstatt über den Artenschutz drüberzufahren und ein mit der PR-Masche „Artenschutz und Wohnbau sind  vereinbar“ versehenes Exempel zu statuieren, koste es was es wolle.

Als minimales Zugeständnis wurde die MA 22 vom Petitionsausschuss aufgefordert, dem Umweltdachverband Einblick in die Bescheide zu gewähren. Dies ist eine etwas befremdliche Aufforderung, sind doch gesamte Verwaltungsakte zu naturschutzrechtlichen Angelegenheiten nach gängiger Rechtsmeinung Umweltinformation [11, 12] – und als solche laut Umweltinformationsgesetz jedem auf Anfrage auszuhändigen, ohne dass ein politisches Gremium aktiv werden müsste. Trotzdem wurde dieser Aufforderung seitens der Behörde nicht entsprochen – der Vertreter des Umweltdachverbandes musste unverrichteter Dinge abziehen.

Transparenz – Was ist das?

Nicht gerade mit Ruhm bekleckert sich die MA 22 außerdem bei der Handhabung des Umweltinformationsgesetzes – und der daraus resultierenden Auskunftspflicht an Bürger.

Während vor  2014 sämtliche Anfragen korrekt und vollständig beantwortet wurden, änderte sich das von einem Tag auf den anderen. Ob womöglich eine Intervention im Spiel war, darf sich jeder selbst beantworten. Anstatt vollständigen Dokumenten wurden nur noch Textschnipsel geliefert, frei nach der Interpretation der einzelnen Beamten, was unter “Umweltinformation” fallen könnte und was nicht. Zeitweise fielen der behördlichen Zensurwut und Willkür sogar Bescheidnummer und Ausstellungsdatum zum Opfer. Auch wurde auf Anfragen prinzipiell zum gesetzlich letztmöglichen Zeitpunkt geantwortet, die Frist fast auf die Minute genau ausschöpfend. Seltsamerweise steht im Wiener Umweltinforamtionsgesetz, § 5 Absatz 6 geschrieben:

Dem Begehren ist ohne unnötigen Aufschub unter Berücksichtigung etwaiger vom/von der Informationssuchenden angegebener Termine, spätestens aber innerhalb eines Monats zu entsprechen.”

Da steht – selbst für juristische Laien – nichts von “genau nach der Frist von einem Monat”. Das ist insofern auch interessant, als die Zensur bzw. das behördliche Aufbereiten der zur Verfügung gestellten Informationen selbstverständlich auch Zeit in Anspruch nimmt. Nur haben wir nicht um diese Zwangsbeglückung gebeten, währenddessen auf der anderen Seite Vertreter der MA 22 nicht müde werden, bei verschiedenen Anlässen zu betonen, welch Arbeitsaufwand wir der Wiener Umweltbehörde durch Anfragen verursachen.
Inzwischen hat ein klärendes Gespräch hoffentlich eine leichte Entspannung bezüglich der Fristen bewirkt. Man wird sehen. Inhaltlich jedoch steht die Behörde immer noch auf dem eigentümlichen Standpunkt, alleine bestimmen zu können, welche Teile eines Verwaltungsakts in einem naturschutzrechtlichen Verfahren Umweltinformation sind. Aufforderungen die Nicht-Übermittlung großer Teile des Akts mittels eines Feststellungsbescheids zu begründen, wie dies vom Gesetz her vorgesehen ist, werden von der MA 22 mit der Feststellung “wir haben doch schon die gesamte Umweltinformation übermittelt” abgelehnt.

Eines ist sicher: Auch die EU-Kommission beobachtet das Treiben in Wien aufmerksam.

 

Referenzen

[1] Zwischenbericht der ökologischen Aufsicht Q1 2015

[2] Zwischenbericht der ökologischen Aufsicht Q1 2016

[3] Kurier 05.04.2016 – Ziesel bekommen nächstes Jahr hunderte neue Nachbarn

[4] Statistik über Hunde und Katzenhaltung in Österreich

[5] Ziesel auf der Perchtoldsdorfer Heide

[6] ORF: Ziesel gegen Zauneidechse ausgetauscht

[7] Anfrage zu Zauneidechsen auf der Projektfläche nach dem Umweltinformationsgesetz

[8] Zauneidechsen im Vorhabensgebiet

[9] Bescheid bezüglich Zauneidechsen auf ÖVW Projektfläche

[10] Petition: Schutz der Ziesel-Population beim Wiener Heeresspital in ihrem angestammten Lebensraum

[11] aubescheide sind Umweltinformationen!

[12] Spruch OÖ Verwaltungsgericht

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Nachdem sich die übliche Berichterstattung über die Ziesel meist um tagesaktuelle Ereignisse dreht, wollten wir die aktuell herrschende Aufmerksamkeit für das Problem beim Heeresspital dazu nutzen, den Fokus auf relevante, vor allem rechtliche Aspekte zu lenken, die sonst meist untergehen.

Aus diesem Grund luden wir am 12 April zu einer Pressekonferenz mit namhaften Experten aus relevanten Fachbereichen.

DI Wolfgang Suske,
international tätiger Experte für europäisches Naturschutzrecht,

erläuterte zunächst den Hintergedanken des europäischen Naturschutzes und der Flora-Fauna-Habitat (FFH) Richtlinie. Bei der Auseinandersetzung um die Zieselpopulation beim Heeresspital entsteht oft der Eindruck, Tiere würden gegen Menschen ausgespielt. Die EU-Naturschutzrichtlinien wurden aber geschaffen, da man Bedenken hatte, dass der Artenrückgang auf den Menschen selbst negativ zurückfällt, und nicht aus Selbstzweck.

Es folgte Kritik an der Handhabung des Bauprojekts durch die Behörde. Diese habe lediglich eine “Baufeldfreimachung” auf der Projektfläche als Projekt geprüft, ein Bauvorhaben für 950 Wohnungen wurde nie artenschutzrechtlich geprüft. Ist das Baufeld erst mal frei, braucht man keine artenschutzrechtliche Prüfung mehr, daher gibt es auch keine Prüfung von Auswirkungen und Fernwirkungen des Bauprojektes, wie sie eigentlich stattfinden hätte müssen.

Es gibt bei diesem Projekt grobe Verfahrensmängel und kein artenschutzrechtliches Verfahren zum Gesamtprojekt „Bau und Betrieb von 950 Wohnungen“, daher ist das Beschwerdeverfahren bei der EU weiterhin offen.

Weiters ist die hier erfolgte Zerstückelung des Projekts (Erdabtrag auf 1/3 der Fläche wurde als einzelnes Teilprojekt genehmigt) nicht erlaubt (eine solche Stückelung wird von der Behörde selbst eingestanden: KRONE).

Maßnahmen, die mit großen Unsicherheiten verbunden sind, also als Experimente anzusehen sind, wie die „freiwillige Umlenkung“ der Ziesel, dürften in Verfahren, wie diesem, gar nicht bewilligt werden. Hinzu kommt, dass dadurch auch den Projektwerbern unnötig Verzögerungen und Kosten entstehen.

Eine bei einem korrekten Verfahren fällige Alternativenprüfung müsste sämtliche Alternativen einschließen, die Realisierung des Zwecks (=Wohnbau) müsse an alternativen Standorten geprüft werden. Vom Standort her inkludiert das Wien und das nahe Niederösterreich, und muss auch die Möglichkeiten einer Umwidmung an Alternativstandorten und einer Rückwidmung der Projektfläche berücksichtigen.

 

Dr. Friederike Spitzenberger,
Säugetierexpertin, Verfasserin  der Roten Liste gefährdeter Säugetiere Österreichs,

äußerte sich zu den Zahlen, die bezüglich des Wiener Zieselbestandes seitens der Behörde verbreitet werden (9500 Tiere).
Die Bestimmung der Anzahl der Zieselindividuen ist schwierig, da es  Zieselbaue mit 6, aber auch mit bis zu 32 Ausgängen gibt. Zur Zählung gibt es verschiedene Methoden:

  • Mehrfach im Jahr Vorkommen beobachten und sichtbare Tiere zählen – aufwendig.
  • Ziesel fangen, markieren, freilassen, bis keine unbekannten Tiere mehr gefangen werden können. Das ist die genauere Methode, Aufwand und Kosten sind jedoch immens.

In Wien wird jedoch anders gezählt: Alle Baueingänge im Radius von 5m werden zu einem Zieselbau gezählt. Die Anzahl der Baue wird gleich der Anzahl der Ziesel gesetzt.

Je nach Quelle werden nun Zahlen (Schätzungen) von 20.000-25.000 oder 15.000-30.000 Individuen für ganz Österreich genannt, in Summe ergeben aber Zählungen der letzten Jahre für Burgenland,  Niederösterreich und Wien insgesamt 8100 Ziesel.

Demgegenüber gibt die MA 22 den Wiener Bestand nach der neuesten Zählung mit 9500 Tieren an, nach der Bauzählmethode.

Für die Bauprojektfläche beim Heeresspital wurden mit der Fang-Wiederfangmethode nur 24% der mit der Bauzählmethode ermittelten Tiere gefangen. Daher ist laut Spitzenberger davon auszugehen, dass die mit der Bauzählmethode ermittelten Wiener Zahlen eher einem Bestand von 2300 Tieren entsprechen.

Der Grund für die überhöhten Zahlen dürfte der Versuch sein, angesichts der Eingriffe beim Heeresspital ein EU-Vertragsverletzungsverfahren zu vermeiden.

Anmerkung: Zur Vergleichbarkeit der aktuellen Zahl mit der vorhergehenden Schätzung und dem daraus abgeleiteten Wachstum hat sich bereits die bei der ersten Zählung federführende Expertin äußerst kritisch geäußert).

 

Dr. Madeleine Petrovic,
Präsidentin des Wr. Tierschutzvereins,

beanstandete eklatante demokratiepolitische Defizite von Seiten der Behörde.

Sie wies auch darauf hin, dass der WTV in letzter Zeit immer mehr Wildtiere versorgen müsse, da der Lebensraum offenbar immer knapper wird.

Das Argument, dass man in Wien nichts mehr bauen könne, wenn man den Schutz der Ziesel durchgehen lässt, könne man nicht gelten lassen: es wurden und werden in der ganzen Stadt ohne Probleme zahlreiche Großprojekte verwirklicht, siehe z.B. Seestadt Aspern. Es kann immer zu Kollisionen mit schützenswerten Zielen geben, wie z.B. dem Denkmalschutz, der Artenschutz ist hier nicht anders zu behandeln, es würde auch niemand auf die Idee kommen im Schönbrunner Schloßgarten zu bauen.

 

Wolfgang Rehm,

Umweltorganisation Virus.

Österreich hat Aarhus-Konvention, die den Rechtszugang der Öffentlichkeit in Umweltangelegenheiten regelt, nicht korrekt umgesetzt (ein Mahnverfahren der EU läuft derzeit aus diesem Grund). Rechtssicherheit gibt es bei Bescheiden der MA 22 die das Projekt beim Heeresspital betreffen zukünftig nicht, da Eingetragene Umwelt-NGOs bei der Erstellung nicht als Parteien berücksichtigt sind.

 

Dr. Wolfgang List,
Umweltjurist

In diesem Sinne hat Virus vor, als übergangene Partei im Sinne der Aarhus-Konvention Beschwerde wegen Nicht-Zustellung des Bescheides einzulegen. Der EuGH fährt mit seinen Urteilen in vergleichbaren Fällen eine Linie, die auf eine stärkere Beteiligung der Öffentlichkeit setzt.

 

Umweltdachverband fordert Einstellung der Arbeiten

Begleitend zur Pressekonferenz meint der Umweltdachverband in einer Aussendung treffend
Ziesel sind keine Ratten“ – hochgradig gefährdete Arten verdienen besonderen Schutz
Die Dachorganisation Österreichischer Umweltorganisationen fordert:

Wien als Weltstadt muss Verfahren europarechtskonform durchführen
– Sofortiger Maßnahmenstopp bis zur Klärung durch die Europäische Kommission

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Aktuelle Infos in Echtzeit auf Facebook

Polizeischutz statt Naturschutz beim Heeresspital
Am Vormittag des 12. April 2016 wurden die Baggerarbeiten im Ziesel- und Zauneidechsen-Habitat beim Heeresspital fortgesetzt. Statt zwei Baggern, kommt nun eine ganze Baumaschinen-Flotte zum Einsatz um rasch vollendete Tatsachen zu schaffen.

Polizeibeamte vor Ort – in Uniform und in Zivil – sollen für die politisch bestens vernetzte Baulobby den reibungslosen Ablauf der Zerstörungen sicherstellen.

Man beruft sich auf den gültigen Bescheid der Naturschutzehörde MA 22, der allerdings vorschreibt, dass – so wie von den Bauträgern eingereicht – vor jedem Baufahrzeug zwei Personen vorangehen müssen, um die Flucht von „fluchtfähigen Organismen“ auszulösen.

Wie für jeden anwesenden Beobachter klar erkennbar, war dies gestern offensichtlich nicht der Fall. Jedoch schritten weder ökologische Aufsicht noch Naturschutzbehörde ein.

https://drive.google.com/file/d/0B50__t2gqpX3bFBYUWNTN1I4d1U/view?usp=sharing

Video vom 11. April 2016

Das evidente Vorkommen der streng geschützten Zauneidechse, das im Bescheid nicht berücksichtigt wurde, wird offenbar seinem Schicksal überlassen. Dabei gilt für die Zauneidechse, da nicht im Bescheid erfasst, uneingeschränkt das Wiener Naturschutzgesetz. Tötungen von Individuen und Zerstörung von Lebensstätten der Zauneidechse sind demnach streng verboten.

https://drive.google.com/a/ziesel.org/folderview?id=0B50__t2gqpX3dm10RFF2RUxYUW8&usp=sharing

Zauneidechsen-Vorkommen auf Bagger-Flächen (5. April 2016)

So funktioniert Naturschutz im roten/grünen Wien im Jahr 2016, in dessen Besitz sich unfassbare 2,3 Mio. Quadratmeter an Bauland befinden und  Widmungen im Ausmaß von 33.000 Neubauwohnungen für sozialen Wohnbau nicht genutzt werden.

Daher liegen wohl keine zwingenden Gründe öffentlichen Interesses für die unwiederbringliche Vernichtung wertvoller natürlicher Ressourcen beim Heeresspital, sondern schlicht ergreifende andere, vor …

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Breaking: Baggerungen wurden heute vormittag, 12. April, wieder aufgenommen!

Real-Time-Infos auf Facebook: Hier klicken!

Bagger am Ziesel-Feld - 20160411

Am Vormittag des 11. Aprils 2016 haben Bagger beim Wiener Heeresspital mit der Zerstörung des Lebensraum von Zieseln und anderen geschützten Arten begonnen.

Entgegen der bescheidmäßigen Vorgabe der Naturschutzbehörde MA 22, gehen keine Experten zu jeder Zeit den Baumaschinen voran, um Flucht von ‚fluchtfähigen Organismen‘ auslösen oder Tötung von geschützten Individuen zu verhindern.

Ohne jede Spur der Behörde vor Ort, wird einfach wild gebaggert.

Darum ist zu befürchten, dass zahlreiche streng geschützte Zauneidechsen, die vorige Woche noch auf den betroffenen Flächen festgestellt und fotografiert wurden, um Leben gekommen sind.

Ein rabenschwarzer Tag für den Naturschutz im rot/grünen Wien! Profit und Freundschaft können ungehindert wüten.

Stellungnahme des Wiener Tierschutzvereins:

Ziesel beim Heeresspital – Das Töten beginnt

Hier sind Vorschläge für Stellen, an denen Sie protestieren können:

Protest-Adressen

Ort des Geschehens:

 

 

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