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Archive for the ‘Bauprojekt nördlich des Wiener Heeresspitals’ Category

So ähnlich hätten die Schlagzeilen lauten müssen, als die Bauträger im Hochsommer dieses Jahres eine PR-Offensive starteten, um den Erfolg ihres sorgsamen Umgangs mit den Zieseln nördlich des Heeresspitals  zu präsentieren[1]. Man stellt Ausgleichsflächen bereit, zäunt die Restfläche des Projekts ein und pflegt sie teilweise, misst Erschütterungen und Stresshormone im Kot der Tiere. So sehr wie all die gut klingenden Maßnahmen hervorgehoben wurden, so sehr wurde auch ein wesentliches aber schwerwiegendes Detail verschwiegen: Der Bestand auf der Projektfläche nördlich des Heeresspitals hat im Vergleich zum Vorjahr um gut 20% oder 50 Tiere abgenommen. Auf Abwanderung ist der Schwund jedenfalls nicht zurückzuführen – eine vergleichbare Zunahme auf den Ausgleichsflächen wurde nämlich nicht festgestellt. Festgestellt wurden jedoch insgesamt 6 tote Ziesel, zum Großteil in Baustellennähe. Zum Vergleich: Während des bisherigen Monitorings zwischen 2012 und 2018 wurde ein einziges totes Tier registriert (im Vorjahr, ebenfalls nahe den Baustellen). 

Baustellen – Auswirkungen mit Verzögerung

Die wenigen bisher für die “Baufeldfreimachung” umgesiedelten oder vertriebenen Tiere waren nur die Spitze des Eisberges. Die durch die Aufteilung des gesamten Vorhabens in bisher 6 Teilprojekte (“Salamitaktik”) und vorherige Einstellung der Mahd jeweils geringe Anzahl der für die Baugruben zerstörten Baue durfte als Begründung für das “behutsame” vorgehen der Stadt bei der Genehmigung der Projekte durch die MA 22 herhalten:

“Im konkreten Fall war die Entscheidung sehr leicht, weil nur mehr wenige Ziesel – weniger als zehn – betroffen sind”[2]

Auf die Verlautbarung der Folgen der “leichtgefallenen” Entscheidungen durch ebendiese Behörde, nämlich Totfunden und Bestandsrückgängen, kann die Öffentlichkeit wohl lange warten. Im Laufe des Jahres wurden im Zuge des durch die Bauträger durchgeführten Ziesemonitorings vier tote Ziesel aufgefunden, drei davon in Baustellennähe. Weitere zwei Tiere wurden von Anrainern in der Nähe der Baustellen entdeckt. Obwohl der baustellennahe Bereich des Ziesellebensraums seit dem Frühjahr eingezäunt ist, und somit zumindest von direkten Störungen durch Hunde und Menschen geschützt ist, scheinen die dortigen Bewohner leichter Fressfeinden oder Krankheiten zum Opfer zu fallen. In Kombination mit einer erhöhten Wintersterblichkeit, und vermindertem Fortpflanzungserfolg, ergibt das vermutlich den beobachteten Bestandsrückgang.

Der starke Rückgang im Frühjahr ist nicht nur auf spätes Aufwachen zurückzuführen – die Erschütterungsgrenzwerte dürften das Papier auf dem sie stehen nicht wert sein.

Der wesentliche Unterschied zu den Jahren, in denen das Vorkommen gewachsen ist: Baustellen an zwei von vier Seiten des Lebensraums und fehlende Pufferzonen zu den Störquellen. Während das Vorkommen ursprünglich eher in der Mitte eines 7ha großen Feldes lebte, war zuletzt beinahe jeder verfügbare Quadratmeter der übergebliebenen 3,8ha besiedelt.

Ausbreitung 2011 vs. 2019 (c) Knoll Consult/Ilse Hoffmann

Ein Weibchen macht noch keine Population

Während der Bestand auf der Projektfläche bereits schrumpft, steht ein Nachweis  selbsterhaltungsfähiger Besiedlung der Ausgleichsflächen jenseits des Marchfeldkanals immer noch aus. Mit Ende Juni wurden dort 18 Zieselbaue festgestellt, genauso viele wie ein Jahr davor. Von den östlich des Marchfeldkanals im Zuge des Monitorings eingefangenen Tieren war nur ein einziges weiblich[3], Beweise für eine erfolgreiche Fortpflanzung der Tiere in diesem Lebensraum waren offenbar keine zu finden. Für einen dauerhaft funktionsfähigen Ersatzlebensraum müsste die Population mindestens 300 Individuen aufweisen[4], da sie nach Fertigstellung des Bauprojekts und Entfernung des Zieselstegs faktisch von der Kernpopulation auf dem Heeresspitalgelände abgeschnitten wäre. 

Nächste Bauschritte 2021?

Bis 2021 sollen nördlich des Heeresspitals keine weiteren Bauschritte erfolgen[5]. Zu befürchten ist, dass im Anschluß die derzeit dahindümpelnde Besiedlung der Ausgleichsflächen als Erfolg verkauft werden soll und weitere Baufelder mit dem Hinweis auf diesen genehmigt werden sollen. Die Strategie zeichnet sich bereits ab: Der vergleichsweise niedrige Bestand bei der ersten Kartierung des Vorkommens im Jahre 2011 soll als Maßstab herangezogen werden, womit selbst eine Halbierung der derzeitigen Population als Erfolg verkauft werden kann:

„Ab 2021 könnte die Absicht umgesetzt werden, einen nächsten Bauabschnitt umzusetzen“, so Knoll. „Aber nur dann, wenn es uns gelingt, und das sieht momentan sehr gut aus, dass der Zieselbestand, den wir ursprünglich vorgefunden haben, nicht schlechter, sondern möglicherweise sogar besser wird.“[1]

Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung von Ausnahmegenehmigungen zur Zerstörung von Lebensraum geschützter Arten ist, dass das öffentliche Interesse an der Realisierung des Projekts höher sein muss, als das Interesse an der Erhaltung der betroffenen Art. Gedacht war diese Ausnahme für Fälle, wie Schutz der Gesundheit der Bevölkerung, Landesverteidigung oder Realisierung öffentlicher Infrastruktur mit eingeschränkter Standortauswahl. Angewendet werden solche Ausnahmen viel zu häufig, in Wien eben auch für trivialen Wohnbau, der an jedem beliebigen Alternativstandort realisierbar wäre. Für die bereits errichteten Teile des Projekts wurde in einem Gutachten der MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung, Ressort Vassilakou) eifrig ein überwiegendes öffentliches Interesse am Bauprojekt festgestellt – Aufgrund des starken Zuzugs nach Wien und der damals zu geringen Wohnbauleistung. Heute jedoch stellt sich die Situation grundlegend anders da: Der Zuzug nach Wien hat stark nachgelassen. Wurde 2016 das überschreiten der Zwei-Millionen-Grenze für 2022 erwartet [6], sagen dies die aktuellen Prognosen erst für 2027 voraus, statt um 26.000 Menschen wächst die Stadt um weniger als 10.000 jährlich. Der Wohnbaurückstau ist aufgearbeitet, die Anzahl der 2020 erwarteten Fertigstellungen von Wohnungen soll weit über dem Jahresbedarf liegen[7]. Unter diesen veränderten Umständen – vor allem wenn die Population auf den Ausgleichsflächen jenseits des Marchfeldkanals bis dahin keine selbsterhaltungsfähige Größe erreicht haben sollte – kommt eine Genehmigung zur Schädigung einer geschützten Art zugunsten eines Wohnbauprojekts einer völligen Kapitulation vor den Einzelinteressen der Bauwirtschaft gleich. Dabei ist Investitionsschutz vor Artenschutz gesetzlich durch nichts gedeckt. 

“Schutz” in Artenschutz kaum wahrnehmbar.

Auch südlich des Heeresspitals tickt die Uhr für die dortigen Ziesel, denn Artenschutz scheint nicht als Hindernis für eine Umwidmung in Bauland gesehen zu werden.  Für ein Projekt auf den 2017 von einem Bauträger gekauften Flächen werden bereits Voranmeldungen für 591 Wohnungen angenommen[8] , obwohl die Fläche bis auf einen schmalen Streifen von Bauland entlang der Brünnerstrasse landwirtschaftlich gewidmet und amtsbekannter Ziesellebensraum ist. Auch heuer konnte eine angebliche Zieselfreiheit der Fläche klar widerlegt werden – trotz Anbau einer hochwachsenden Gründüngemischung waren zahlreiche Baue zu finden, Warnrufe zu hören und flüchtende Ziesel zu sehen. Man darf gespannt sein, ob die Pflanzen – wie bei Gründüngung üblich – für eine nachfolgende Aussaat im nächsten Jahr eingepflügt werden oder nur ausgesät wurden, um den Ziesellebensraum möglichst rasch zuwachsen zu lassen. Sollte tatsächlich auch südlich des Heeresspitals eine Umwidmung für ein Bauprojekt drohen, werden wir die MA 22 gerne daran erinnern, dass der dort 2011 festgestellte Zieselbestand als Basis für die Beurteilung heranzuziehen ist, wie scheinbar nördlich des Heereresspitals geplant, und nicht eine eventuell durch vorsorgliche Vergrämungsmaßnahmen von Zieseln befreite leere Fläche.


Auch heuer gibt es wieder einen Zieselkalender mit wunderschönen Bildern preisgekrönter Fotografen. Mit Ihrer Spende helfen Sie uns beim Kampf um die Erhaltung des Ziesellebensraums beim Heeresspital

[1] ORF – Ziesel in Stammersdorf werden gechipt
[2] Kurier – Hysterie um geschützte Tiere schadet dem Artenschutz
[3] Bericht ökologische Aufsicht 15.07.2019
[4] Bericht ökologische Aufsicht 15.10.2014
[5] Kurier – Bauträger vermelden Übersiedlung der Ziesel
[6] Austria Forum – Demografie Wiens
[7] Kurier – Studie sieht Trendwende am Wiener Wohnungsmarkt
[8] Neues Leben – OASE Marchfeldkanal

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Die Umgebung des Heeresspitals in Wien ist Heimat eines der größten Zieselvorkommen Österreichs. Ca. 800-1000 der vom Aussterben bedrohten und streng geschützten kleinen Nager leben hier.

Auch heuer bietet die IGL-Marchfeldkanal für Interessierte eine spannende Führung durch den bedrohten Lebensraum der Ziesel und seine Nachbarschaft. Erkunden Sie gemeinsam mit unseren fachkundigen Führern die Tier- und Pflanzenwelt in der Umgebung des Heeresspitals und an den Ufern des Marchfeldkanals.

Seit 2011 wird ein Teil ihres Lebensraums von einem Bauprojekt bedroht. Nicht zuletzt dank einer Beschwerde bei der EU-Kommission und Jahren genauer Beobachtung durch diese, konnten untaugliche und für die Tiere gefährliche Maßnahmen verhindert werden, und so ist heute der Großteil der gefährdeten Fläche immer noch Ziesellebensraum.
Inzwischen sieht die Stadt selbst das Vorkommen als eine der “drei sehr großen Populationen mit > 500 Tieren” an, welche aufgrund ihrer Größe als Quellpopulation für die Besiedlung der Umgebung dienen können und somit für den Fortbestand dieser vom Aussterben bedrohten Tierart in Wien enorm wichtig sind.
In Anbetracht solcher Aussagen sollte man davon ausgehen, dass bei zukünftigen Projekten, die den Lebensraum beim Heeresspital betreffen, besonders strenge Maßstäbe angelegt werden und jegliche Schädigung des Vorkommens von der Behörde unterbunden wird.  Gemessen wird die Stadt jedenfalls daran werden, wie zukünftig mit den restlichen 2/3 der Fläche und mit ebenfalls bedrohten Flächen auf der gegenüberliegenden Seite des Heeresspitals verfahren wird.

Machen Sie sich selbst ein Bild von der aktuellen Lage der selten gewordenen (und streng geschützten) Ziesel und ihrer Gefährdung durch laufende und geplante Bauvorhaben.

 

Die Führung durch den Ziesellebensraum erfolgt durch eine Biologin und Zieselexpertin, Fragen zu den Bauprojekten beim Heeresspital beantworten Mitglieder der IGL-Marchfeldkanal.

Eintritt frei.
Wann: Sonntag, 26. Mai 2019, 15:00 Uhr
Treffpunkt: Johann-Orth-Platz, 1210 Wien (Link zum Wienplan)
Dauer: ca. 1,5 – 2 Stunden

Anreise: Der Treffpunkt befindet sich nahe der Endstation der Straßenbahn-Linie 31. Falls Sie mit dem Auto anreisen, nutzen Sie bitte die Parkmöglichkeiten entlang der Johann-Weber-Straße.

Tipp: Zum Beobachten bitte Fernglas mitnehmen!

Der Spaziergang findet bei jedem Wetter statt. Die Bürgerinitiative IGL-Marchfeldkanal freut sich auf Ihr Kommen!

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Die Umgebung des Heeresspitals in Wien ist einzigartig – nicht nur, weil sie Heimat eines der größten Zieselvorkommen Österreichs ist, sondern auch als Anschauungsobjekt wundersamer Auswüchse des Umgangs mit Artenschutz durch Wiener Naturschutzbehörde MA 22.

Wo sonst findet man Bauprojekte bei denen laut Behörde „kein Ziesel zu Schaden kommt“, obwohl in baustellennahen Bereichen eine Wintersterblichkeit von über 40% festgestellt wurde?

Wo sonst kann man zwei identisch aussehende Baustellen bestaunen, von denen eine laut Naturschutzbehörde keinerlei Auswirkungen auf den benachbarten Ziesellebensraum hat, und deshalb kein naturschutzrechtliches Verfahren durchgeführt werden musste, während eine einige Meter weiter gelegene Anlage Ziesellebensraum im Umkreis von 50 Metern unbrauchbar machen soll? Wer jetzt glaubt, eines der beiden Verfahren sei grob fehlerhaft gewesen, liegt vermutlich richtig. Rechtsgültig sind trotzdem beide Entscheidungen.

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Auch heuer bietet die IGL-Marchfeldkanal für Interessierte eine spannende Führung durch den bedrohten Lebensraum der Ziesel und seine Nachbarschaft. Erkunden Sie gemeinsam mit unseren fachkundigen Führern die Tier- und Pflanzenwelt in der Umgebung des Heeresspitals und an den Ufern des Marchfeldkanals.
Machen Sie sich selbst ein Bild von der aktuellen Lage der selten gewordenen (und streng geschützten) Ziesel und der massiven Gefährdung durch laufende und geplante Bauvorhaben.

Die Führung durch den Ziesellebensraum erfolgt durch eine Biologin und Zieselexpertin, Fragen zu den Bauprojekten beim Heeresspital beantworten Mitglieder der IGL-Marchfeldkanal.

Eintritt frei.
Wann: Sonntag, 10. Juni 2018, 15:00 Uhr
Treffpunkt: Johann-Orth-Platz, 1210 Wien (Link zum Wienplan)
Dauer: ca. 1,5 – 2 Stunden

Anreise: Der Treffpunkt befindet sich nahe der Endstation der Straßenbahn-Linie 31. Falls Sie mit dem Auto anreisen, nutzen Sie bitte die Parkmöglichkeiten entlang der Johann-Weber-Straße.

Tipp: Zum Beobachten bitte Fernglas mitnehmen!

Der Spaziergang findet bei jedem Wetter statt. Die Bürgerinitiative IGL-Marchfeldkanal freut sich auf Ihr Kommen!

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Gehege für Umsiedlung eingefangener Ziesel – jenseits des Marchfeldkanals

Schließlich entscheiden die Ziesel, ob und wann wir bauen können”, Unique Relations, PR–Agentur der Bauträger, 2016 [1].

alle Zeitpläne sind Spekulation, wir richten uns nach den Tieren” Thomas Knoll, ökologische Bauaufsicht, „Sie werden nicht gefangen und irgendwo hingetragen“ Ilse Hoffmann, ökologische Bauaufsicht, 2012 [2].

Ein Kollege der SPÖ hat Ihnen beim letzten Mal schon gesagt, wenn die Ziesel nicht wandern, dann kann dort nicht gebaut werden.” GR. Rüdiger Maresch, Grüne, 2013 [3].

Hohle Phrasen zur Blendung der Öffentlichkeit, jahrelang als Beschwichtigung seitens Bauträger–PR und Wiener Stadtpolitik zu den durch ein Bauprojekt gefährdeten Zieseln beim Heeresspital aufgefahren, denn bei den sogenannten “naturschutzrechtlichen Verfahren” zur Genehmigung der Bauprojekte nördlich des Heeresspitals wird der Eindruck immer stärker, dass sie nur ein mögliches Ergebnis haben: Eine Genehmigung des eingereichten Projekts, mit immer kreativeren Begründungen, und immer mehr auf Kosten der Ziesel. Egal ob die zur Bedingung gemachten Auflagen funktioniert haben oder nicht, gebaut wird auf jeden Fall.

Ein Stück Ziesellebensraum gefällig?

Was auch immer von den Bauträgern als “Projekt” benannt und beantragt wird, beim stückweisen Durchwinken lässt sich die Wiener Umweltbehörde MA 22 durch nichts aus der Ruhe bringen:

  1. 2016: Eine angeblich im öffentlichen Interesse erfolgende Bodenabtragung für Kabelwerk und Familienwohnbau, allerdings ohne ein konkretes Bauprojekt.
  2. 2016: Eine Bodenabtragung für das Österreichische Volkswohnungswerk, ebenso ohne konkretes Bauprojekt.
  3. 2017: Bauprojekte von Kabelwerk und Familienwohnbau, eigentlich im Ziesellebensraum, jetzt allerdings laut Behörde nicht mehr genehmigungspflichtig, da die Tiere ja zuvor durch den zweckfreien Bodenabtrag “im öffentlichen Interesse” vertrieben wurden.
  4. 2017: Ein halbes Bauprojekt der Sozialbau, denn man hatte bei 1) auf die halbe Projektfläche “vergessen”
  5. 2018: Genehmigung für zwei weitere Gebäude des Kabelwerks, vermutlich wurde im Vorfeld wieder einmal “vergessen”, dass sich die beiden Fundament und Garage mit den in 3) Genehmigten Gebäuden teilen.
  6. 2018: Das Volkswohnungswerk dürfte “vergessen” haben, dass die Baugrube etwas größer sein muss, als das zu errichtende Gebäude. Kein Problem, die MA 22 zeigt sich auch hier wieder großzügig.

Es ist anzunehmen, dass der Behörde auch diesmal jede einzelne Genehmigung “leicht gefallen ist”, wie die Leiterin der MA 22 in der Vergangenheit öffentlich betonte [4], nachdem durch die Stückelung vorausschauend dafür gesorgt wurde, dass jedesmal nur “wenige” Ziesel betroffen bleiben.

Die Leidtragenden dieser Fließbandausnahmen sind die vom Aussterben bedrohten Ziesel. Nachdem zuvor bereits die heftig propagierte “freiwillige” Abwanderung der Tiere für gescheitert erklärt wurde und stattdessen auf Vertreibung durch Lebensraumzerstörung und Ausbaggern der Zieselbaue gesetzt wurde, scheint es nun auch mit dieser Methode nicht schnell genug zu gehen. In einem rekordverdächtigen Tempo wurden alle auf den nun genehmigten Flächen lebenden Tiere eingefangen und auf der anderen Seite des Marchfeldkanals ausgesetzt. Sanfte Umlenkung? Rücksicht auf die europaweit streng geschützten Tiere? Nicht, wenn die EU gerade wegschaut und die Bauträger ungeduldig werden!

Während für die ersten Teilprojekte noch funktionierende Ausgleichsflächen mit Anschluss an das Vorkommen verlangt wurden, war die Behörde bei der letztjährigen Teilgenehmigung für die Sozialbau bereits weniger streng und akzeptierte eine zu kleine Ausgleichsfläche als ausreichend, mit dem verblüffenden Argument, darauf könnte ja eine höhere Besiedlungsdichte erreicht werden.

Mangels verfügbarer funktionierender Ausgleichsflächen ist man inzwischen dabei angelangt, die gegenüberliegende Seite des Marchfeldkanals mit Zieseln zwangszubesiedeln. Für die umgesiedelten Ziesel eine riskante Reise ins Ungewisse. Zwar gab es dort in den vergangenen Jahren vereinzelt Ziesel, von einer dauerhaften Besiedlung kann aber keine Rede sein. Das Risiko scheint der verantwortlichen Behörde egal zu sein.

Zieselvertreibung – reloaded

Die Sozialbau setzt dem seltsamen Treiben um die Lebensraumvernichtung die Krone auf – auf der Hälfte ihres Baufeldes soll seit zwei Jahren ein Bauvlies die “Wiederbesiedlung durch bodenbewohnende Tierarten” verhindern. Mehrere Ziesel haben jedoch in der Zwischenzeit im Vlies ihre Baue angelegt. Dank der geradezu fahrlässigen Ignoranz bei der Sicherung des Grundstücks wurden nun zum zweiten Mal Ziesel von derselben Fläche vertrieben – mehr sogar als bei der ursprünglichen Räumung des Grundstücks ausgebaggert und gestresst wurden. Ob dafür überhaupt eine gültige Genehmigung existiert, ist fraglich, denn die ursprünglich genehmigte Vertreibungsprozedur endet mit der Abdeckung der Fläche mit Bauvlies.

“überwiegendes öffentliches Interesse” an Lebensraumzerstörung trotz wachsender Baulandreserve

Um Eingriffe in den Lebensraum einer geschützten Art zu genehmigen, muss das Interesse der Allgemeinheit an der Realisierung des Vorhabens das öffentliche Interesse am Schutz der Art überwiegen, hinzu kommt, dass es keine zumutbaren Alternativstandorte für das Projekt geben darf. Beides ist beim Wiener Heeresspital ganz klar nicht der Fall – was die MA 22 seit Jahren nicht daran hindert, Ausnahmen in Serie zu genehmigen und zwar unter Berufung auf eine Stellungnahme der zur Grünen Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou ressortierenden MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung).
Während beim Heeresspital in den letzten Jahren immer wieder die Zerstörung von wertvollem Lebensraum seltener und geschützter Tierarten beantragt und genehmigt wurde, wuchs die im Besitz der Stadt Wien befindliche “Baulandreserve” – für die Schaffung von leistbarem Wohnraum gedachte Grundstücke –  von ca. 2 Mio. m² Anfang 2013 [5] auf 2,8 Mio. m² 2018 [6]. Ein Mangel an Alternativstandorten für leistbare Wohnungen ist also kaum gegeben und daher kein zwingender Grund für die politisch gewollte Lebensraumzerstörung.

2016 stimmten die EU–Mitgliedsstaaten mit großer Mehrheit für die unveränderte Beibehaltung der FFH–Richtlinie, die EU–weit den Arten– und Habitatsschutz regelt. Die damalige Evaluierung ergab, dass die Richtlinie ausreichenden Schutz biete und lediglich konsequenter umgesetzt werden müsse (Österreich hatte keine Meinung zu dem Thema). Die Ziesel beim Heeresspital sind leider nur ein Beispiel von vielen, dass gefährdete Arten außerhalb von ausgewiesenen Schutzgebieten in der Praxis nur dann wirksamen Schutz genießen, wenn zufällig keine anderen wirtschaftlichen Interessen entgegenstehen. Die oftmalige Ignoranz der Mitgliedstaaten und die nur langsame Reaktion der EU darauf, ist einer der Gründe, weshalb die EU ihr selbst gestecktes Ziel, den Verlust an Artenvielfalt bis 2020 zu stoppen, klar verfehlen dürfte.

 

[1] BZ (Floridsdorf), 2016 – EU stellt sich hinter Zieselschutz
[2] Kronen Zeitung, 2012 – „Es werden hier keine Maschinen auffahren, solange es Ziesel gibt“
[3] GR Rüdiger Maresch, 2013 – https://www.wien.gv.at/mdb/gr/2013/gr–040–w–2013–06–24–072.htm
[4] Kurier, 2016 – Hysterie um geschützte Tiere schadet dem Artenschutz
[5] WienerZeitung, 2013: Es wird keine Lücke produziert
[6] Kurier, 2018 – Sozialer Wohnbau: Gemeinnützige unter Druck

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Eines wurde seit dem Bekanntwerden der Zieselpopulation auf dem Bauland nördlich des Heeresspitals 2011 immer unverändert verlautbart: Gebaut darf auf einem Baufeld erst werden, wenn es alle Ziesel verlassen haben [1][2][3][4][5]. Wirklich?

Ein scheinbar immenser Aufwand wurde seitens Behörde und Bauträgern betrieben, um die auf den westlichen Baufeldern von Familienwohnbau und Kabelwerk lebenden, in ihrem Lebensraum streng geschützten Ziesel zu vertreiben. Jahrelanger Verbuschung folgte der Bodenabtrag und die Abdeckung mit Bauvlies. Zusätzlich sollte anscheinend ein “zieseldichter” Bauzaun verhindern, dass Tiere auf die geräumte Fläche zurückwandern. Man hat die Rechnung aber ohne die Ziesel gemacht.

Weitab von den “offiziell” besiedelten Flächen, tief Im Baufeld der Familienwohnbau wurde nun ein Ziesel gefilmt. Nachdem bereits in der jüngeren Vergangenheit an der betreffenden Stelle Ziesel gehört und gesehen wurden, ist davon auszugehen, dass es sich hierbei nicht um einen unternehmungslustigen Ausflügler handelt, sondern, dass es in unmittelbarer Umgebung (also auf der Baustelle) seinen Bau hat. Nachdem auf dieser Fläche vor der Räumung nur noch ein Ziesel gelebt haben soll [6], liegt die Erfolgsquote der Räumung somit bei 0%.

Auflagen aus Gummi

Zur PR-Show namens “Wohnbau und Artenschutz sind vereinbar” gehörten neben der Beteuerung, nur auf zieselfreien Flächen bauen zu wollen, auch “Maßnahmen” die sicherstellen sollten, dass die auf den umgebenden Flächen lebenden Ziesel nicht durch die Bautätigkeit zu Schaden kommen. So wurde anfänglich jahrelang öffentlich betont, dass zwischen Bautätigkeit und dem nächstgelegenen Zieselbau ein Sicherheitsabstand von 50 m einzuhalten sei [7][8][11]. Um diese erfreulich klingende Forderung wurde es allerdings plötzlich sehr still, als man merkte, dass dies 2017 den Baustart auf den ersten Baufeldern unmöglich machen würde. Als situationselastische Alternative wurden daraufhin “Erschütterungsschwellwerte”, die beim Baustellenbetrieb einzuhalten seien, aus dem Hut gezaubert [9]. Bei einer Nicht-Überschreitung dieser würden sich die Ziesel auch nicht gestört fühlen, wurde aus Vergleichsmessungen nahe einer Bahnstrecke bei Mannswörth freihändig geschlossen. Es folgte auch eine Absichtserklärung der Bauträger:

Im Falle von bis zu zwei Überschreitungen pro Tag dürfen die Bauarbeiten bei größter Sorgfalt zur Vermeidung weiterer Überschreitungen 24 Stunden lang fortgeführt werden. Innerhalb dieses Zeitraumes hat jedoch eine Abklärung mit der Erschütterungstechnischen Bauaufsicht zu erfolgen und ist eine Freigabe der weiteren Bauarbeiten durch dieselbe erforderlich.
Ab 3 Überschreitungen pro Tag sind unmittelbar Maßnahmen zu setzen, welche weitere Überschreitungen verhindern. Für die Fortführung der Bauarbeiten ist die Zustimmung der erschütterungstechnischen Bauaufsicht erforderlich [9].

Nun liegen uns Messprotokolle [10] der drei Messstationen [11] im Baustellenbereich vor. An einem der Messpunkte wurde an mehreren Tagen bis zu siebenmal(!) der erlaubte Höchstwert (Maximalwert 28 mm/ s²) überschritten – ohne erkennbare Folgen für den Baubetrieb.

Die Reaktion der zuständigen Wiener Umweltbehörde darauf? Im begleitenden Schreiben zu den Messprotokollen meint sie lapidar

Die Wahrnehmung sowohl der ökologischen Auf-sicht als auch unserer Amtssachverständigen ist, dass Ziesel durch die Bautätigkeiten nicht beeinträchtigt wurden.[12]

Dumm, dass die Schwellenwerte keine bindenden Auflagen darstellen, da zur Genehmigung der Bautätigkeit ja kein ordentliches naturschutzrechtliches Verfahren durchgeführt wurde. Dieses war/ist laut Behörde auch nicht notwendig, da die Bauträger glaubhaft versichert haben, freiwillig die Erschütterungsgrenzwerte einzuhalten, um somit die Ziesel (die man eigentlich loswerden möchte) in der Umgebung keinesfalls zu beeinträchtigen…

Nachdem nun nach Aussage der Umweltbehörde auch bei Grenzwertüberschreitung keine Beeinträchtigungen der Ziesel wahrzunehmen sind – wobei hier von einer Wahrnehmung und nicht von einem Beweis die Rede ist – dürften bei der Genehmigung der Bautätigkeit auf der frisch geräumten Fläche der Sozialbau sowie des ÖVW die letzten Hemmschwellen fallen (Baueingänge finden sich dort direkt am Bauzaun). Man scheint inzwischen der Meinung zu sein, dass Bautätigkeit Zieseln prinzipiell egal ist, solange keine Baggerschaufel mitten durch die Nestkammer des Zieselbaus fährt.

Angesichts der offiziell verkündeten Harmlosigkeit von Baustellenbetrieb und dichter Wohnbebauung in direkter Nachbarschaft stellt sich allerdings die Frage, warum es anderenorts keine Zieselvorkommen in vergleichbarer Umgebung gibt. Schließlich müsste es unter diesen Voraussetzungen in etlichen Favoritner und Floridsdorfer Wohnanlagen von Zieseln nur so wimmeln.

Eines kann man jedoch als gesichert annehmen: Rechtzeitig vor dem Verschwinden des letzten Ziesels werden uns die Vertreterinnen und Vertreter der Wiener Stadtpolitik wie üblich aus diversen Medien großformatig lächelnd verkünden, wie großartig Wien doch Wohnbau und Artenschutz vereinbar macht.

[1] Kronen Zeitung 26.5.2012 – Es werden hier keine Maschinen auffahren solange es Ziesel gibt
[2] Wien Heute – 2013
[3] Wien Heute – 5.11.2013
[4] Wien Heute – 21.6.2015
[5] Heute – 4.4.2016
[6] Wiener Bezirkszeitung – 12.4.2016
[7] DerStandard – 9.10.2014
[8] BZ – 11.2.2016
[9] Maßnahme Erschütterungen, Unterlagen Messungen
[10] Erschütterungsmessprotokolle 04.2017-07.2017
[11] Übersichtplan Erschütterungsmonitoring
[12] Begleitschreiben zu Erschütterungsmessprotokollen

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Vor wenigen Tagen war es wieder soweit – ein erneuter Bagger-Angriff auf eines der letzten Zieselvorkommen im Norden Wiens. Streng geschützte Tiere und ihr Lebensraum beim Heeresspital werden wieder plattgewalzt und zubetoniert. Ein Artenmord mit kleinen Tricksereien und alternativen Fakten?


Obwohl Ziesel (Spermophilus citellus, in den meisten mitteleuropäischen Ländern bereits ausgestorben), von der Stadt Wien laut Naturschutzverordnung aber auch auf internationaler Ebene strengster Schutzstatus zugestanden wird und sie laut EU FFH-Richtlinie weder gestört, vertrieben, verletzt oder gar getötet werden dürfen, fahren jetzt in Wien wieder einmal die Bagger auf. Der geschützte Ziesel-Lebensraum fällt Stück für Stück diversen Bauprojekten am Wiener Stadtrand zum Opfer – mit behördlicher Hilfestellung.

„Wie ist so etwas etwa überhaupt möglich?“,
fragen sich sämtliche Naturschutzorganisationen [1][2][3] und Sprecher fast aller politischen Parteien schon seit 2011 [4], als das Thema mitsamt einer im Auftrag der Wiener Umweltschutzabteilung MA 22 erstellten Studie [5] zur Artenkartierung von S. citellus erstmals im Gemeinderat landete [6]. Warum werden Gebiete, die eigentlich zur Schutzzone deklariert werden müssten, zu Baugrund umgewidmet? Gelten die Natur- und Artenschutzgesetze oder gelten sie nicht?
Wie sonst ist es zu verstehen, dass Behörden bei manchen Bauprojekten auf vorschriftsmäßige artenschutzrechtliche Prüfungen und ggf. ernsthafte Alternativenprüfungen des Standortes verzichten und im Gegenteil sogar Ausnahme-Genehmigungen erteilen, um die Bauvorhaben – entgegen rechtlichen Artenschutzbestrebungen – zu legitimieren?
Nachdem bereits im letzten Jahr dem Bauträger „Kabelwerk“ die Zerstörung von ca. zwei Hektar nördlich vom Heeresspital genehmigt wurde – hier ist der ehemalige Ziesel-Lebensraum bereits zubetoniert – erhielt im jetzigen Anlassfall die teilweise in SPÖ-Besitz stehende „Sozialbau“ von der Wiener Umweltbehörde eine Ausnahme-Genehmigung für den Bodenabtrag von weiteren rund 0.3 Hektar. Das Besondere daran ist, dass es sich um jenen Rest-Teil des rechteckigen Sozialbau-Grundstücks handelt, auf welchen bei der letztjährigen Ausnahme-Einreichung angeblich “vergessen” (!) wurde. Betroffen ist noch dazu ein Areal, zu dem es bei der Genehmigung im Vorjahr hieß: ”Auf der Fläche nördlich des Heeresspitals gibt es noch ca. 5 ha weiteren Lebensraum, die von den gegenständlichen Maßnahmen nicht betroffen sind[7]. Hatte man im Vorjahr noch Ersatzflächen im Ausmaß von 1:1 als Kompensation verlangt, reichen bei der Sozialbau nunmehr 0.2 ha aus, mehr war in der Umgebung des Heeresspitals nicht mehr aufzutreiben (Fläche A3b im Plan) und anscheinend ist es inzwischen auch egal geworden, ob für die unter strengstem Naturschutz stehenden Tiere in der Umgebung noch genügend Ausweichflächen vorhanden sind.

Einreichpläne Kabelwerk 2015, Knollconsult/Hoffmann. Ergänzung Sozialbauflächen: IGL-Marchfeldkanal

Die letzten in der Umgebung des Heeresspitals verfügbaren Lebensräume für Ziesel schrumpfen und schwinden jedenfalls in einem bedrohlichen Ausmaß. Der Population am Marchfeldkanal wurde seit dem letzten Jahr durch verschiedene Maßnahmen mehr als 4,5 Hektar an Lebensraum genommen (Kabelwerk, Sozialbau, Neues Leben, ÖVW). Das Ergebnis ist ein enormer Dichtestress für die Tiere. So sollen in der Kernzone des Vorkommens, auf dem Gelände des Heeresspitals, die für gewöhnlich Erdbaue grabenden Tiere bereits Mauerrisse besiedeln, nördlich des Heeresspitals stolpert man von Loch zu Loch [8].

Die Ausnahme wird zur Regel
Was bedeutet das neuerliche Vorrücken der Bagger? Beim Heeresspital zeigt sich immer deutlicher: Die im Gesetz vorgesehene Ausnahme wird anscheinend zum Regelfall. Zur Genehmigung werden nacheinander jeweils nur kleine Teilstücke eines Gesamtprojekts [9] eingereicht, womit dessen Gesamtauswirkungen auf die Umgebung damit nie zur Untersuchung kommen – im Volksmund bis hinein in die EU-Gremien bereits als sog. „Salami-Taktik“ verpönt und eigentlich auch verboten. Die Wiener Umweltbehörde steht stur auf dem Standpunkt, dass sie nur prüfen könne, was von den Bauträgern eingereicht wird – also kleine Teilprojekte, bei welchen, wie im Fall der letztjährigen Abtragung, günstigerweise “ nur mehr wenige Ziesel – weniger als zehn – betroffen sind”. Beim Baufeld der Sozialbau sollen es diesmal auch “nur” 6 Ziesel sein, der Rest staut sich auf der immer kleiner werdenden Restfläche, von der Behörde schön als “von den gegenständlichen Maßnahmen nicht betroffener Lebensraum” beschrieben.
Welche realen Schutzeffekte haben Artenschutzgesetze überhaupt, wenn Projekte mit politischer Unterstützung im Lebensraum geschützter Arten rücksichtslos durchgezogen werden?

Zahlenakrobatik und schwindender Lebensraum
Grund für die internationale Einstufung des Europäischen Ziesels durch IUCN und EU als stark gefährdet, ist das rapide Schwinden des verfügbaren Lebensraumes.
Die Flächenverluste für die Wiener Ziesel beschränken sich nicht allein auf die Umgebung des Heeresspitals. Seit der letzten Kartierung 2002-2005 sind zahlreiche siedlungsnahe Kleinvorkommen in Wien erloschen [10][12]. Nahe der Stadtgrenze hat die Verbauung der Umgebung dem Großvorkommen beim Badeteich Seeschlacht (über 1000 Tiere in den 1990ern!) den Todesstoß versetzt und es innerhalb weniger Jahre zum Erlöschen gebracht. Während in diesem Fall die Ursache für das Aussterben recht eindeutig ist, verschwinden die Tiere anderenorts sogar aus eigens für sie eingerichteten und gepflegten Schutzgebieten – so geschehen am Goldberg im Süden Wiens!
Das Wiener Naturschutzgesetz gestattet Maßnahmen gegen eine streng geschützte Art nur dann, wenn ihr Erhaltungszustand vor und nach dem Eingriff günstig ist[§11 Abs 4.2].

Deshalb wurde auch in einem kreativen Ausbruch für die Ziesel eine eigene Erhaltungszustand-Kategorie entworfen, nämlich der spezielle Wiener “durchaus günstig”- Erhaltungszustand, der aber sonst nirgendwo bekannt ist [10]. Begründet wird das mit einer angeblichen Zunahme des Wiener Zieselbestandes.

Konkret meint die Behörde, der Bestand sei von 4500-6500 Tieren im Jahr 2005 auf 9000 im Jahr 2016 angestiegen, wobei sie aber gleichzeitig einen Rückgang des besiedelten Lebensraumes einräumen muss. Ein Vergleich der beiden Zahlen ist jedoch weit hergeholt, unseriös und wissenschaftlich nicht haltbar. So wurde für die neue Zählung eine andere Methode verwendet, als für die alte[15]. Während die mit der neuen Methode der einfachen Bauöffnungszählung ermittelten 9000 Baue eine Obergrenze für den Bestand darstellen, wurde bei der Zählung 2002-2005 mittels Spurröhren zwischen benutzten und unbenutzten Bauen unterschieden, womit die ermittelte Individuenzahl natürlich niedriger ausfiel. Auch ergibt sich laut aktuellen Zählungen in Wien eine unrealistisch hohe Durchschnittsdichte von 25 Tieren/ha[11], weit höher als in Niederösterreich oder im Burgenland (der österreichische Schnitt beträgt ca. 7 Ziesel/ha, in Ungarn sind es zum Vergleich nur 0.2 Ziesel/ha – auf einer weit größeren Fläche[13]).
Auf die Ungereimtheiten in den Behauptungen der Behörde haben wir bereits mehrfach aufmerksam gemacht. Trotzdem werden diese in der Art von alternativen Fakten weiterhin bei jeder Gelegenheit fleißig unter Medien und Bürger gestreut. Wer prüft denn schon so genau nach?

Selbst ein tatsächlicher Anstieg der Individuenzahl rechtfertigt bei schrumpfendem Verbreitungsgebiet keine Jubelmeldungen und eine Aufstufung des Erhaltungszustands, da durch die geschrumpfte Fläche die Gefährdung der Populationen durch Krankheiten und extreme Wetterereignisse enorm steigt.

Die massive Bautätigkeit in der Umgebung des Heeresspitals kann somit schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, die Langenzersdorfer Seeschlacht ist ein mahnendes Beispiel dafür [16]:

wonach Anfang der 90er Jahre dort knapp 60 Ziesel pro Hektar nachgewiesen wurden…Im Sommer 2006 wurden überhaupt nur mehr 2 (!!) befahrene Löcher gefunden. Gründe hierfür könnte (laut Hoffmann 2003 und Millesi mündlich) die Bautätigkeit außerhalb des Badegeländes sein, die dazu geführten haben dürfte, dass dieses Vorkommen von der Umgebung abgeschnitten wurde

So nicht!
In diesem Sinne ist die unhaltbare Zerstörung des Zieselvorkommens beim Heeresspital durch Politik und Behörden zu beenden. Um einen korrekten Umgang mit den Tieren sicherzustellen, fordern wir:

  • Ein Ende der Projektstückelung – die gesamte Umgebung des Heeresspitals ist im Zuge naturschutzrechtlicher Verfahren als das zu betrachten, was sie ist: ein städtebauliches Gesamtprojekt, ebenso wie Auswirkungen auf das gesamte Vorkommen in der Umgebung des Heeresspitals zu berücksichtigen sind.
  • Die Prüfung alternativer Standorte hat, wie gesetzlich vorgesehen, ernsthaft zu erfolgen, nicht nur wie bisher pro-forma.
  • Angesichts der Relevanz des Zieselvorkommens (mit 800-1000 Tieren eines der größten Österreichs) ist das Habitat unter Schutz zu stellen, um gegebenenfalls nötige Schutzmaßnahmen durchsetzen zu können.

[1] Umweltdachverband – Ziesel-Heeresspital
[2] Naturschutzbund – Ziesel-Heeresspital
[3] Wiener Tierschutzverein – Und das rechtswidrige Baggern geht unbeirrt weiter
[4] Ziesel-Wortmeldungen  im Wiener Gemeinderat und Landtag
[5] Artenkartierung Europäisches Ziesel und Feldhamster in Wien 21 – Heeresspital und Umgebung östlich Brünner Straße
[6] Anfrage der FPÖ im Wiener Gemeinderat zu Zieselpopulation beim Heeresspital [6]
[7] Umweltinformationen aus dem Bescheid vom 16.11.2015 zur Zahl: 141149/2015 und den zugrunde liegenden Gutachten
[8] Zieselbaue nördlich des Heeresspitals
[9] Einreichung Gesamtprojekt 2012 Kaelwerk, Donaucity
[10] Verbreitung des Ziesels (Spermophilus citellus) 2014 und 2015 in Wien – Aktualisierung der Erhebungen von 2002 und 2005
[11] Verbreitung des Ziesels – Anhang 1
[12] Verbreitung des Ziesels – Anhang 2
[13] FFH Art. 17 Berichte der EU-Mitgliedssstaaten, Säugetiere/Ungarn/2007-2012
[14] Wiener Naturschtzgesetz §11 Abs 4.2
[15] Erfassung von Vorkommen des Europ‰ischen Ziesels im Wiener Norden mit begleitender Aufnahme des Feldhamsters
[16] Vorkommen und Schutz des Ziesels (Spermophilus citellus) in Niederösterreich

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Ob die jungen Ziesel beim Wiener Heeresspital, die neben den lärmenden Baustellen ihre neugierigen Köpfchen aus dem Baueingang stecken, noch genug Lebensraum finden werden, wenn sie Ihren Geburtsbau verlassen, ist höchst ungewiss.

zieselfuehrung2017

Auch heuer bietet die IGL-Marchfeldkanal für Interessierte eine spannende Führung durch den bedrohten Lebensraum der Ziesel und seine Nachbarschaft. Erkunden Sie gemeinsam mit unseren fachkundigen Führern die Tier- und Pflanzenwelt in der Umgebung des Heeresspitals und an den Ufern des Marchfeldkanals.
Machen Sie sich selbst ein Bild von der aktuellen Lage der selten gewordenen (und streng geschützten) Ziesel und der massiven Gefährdung durch laufende und geplante Bauvorhaben.

Eintritt frei.
Wann: Sonntag, 25. Juni 2017, 14:00 Uhr
Treffpunkt: Johann-Orth-Platz, 1210 Wien (Link zum Wienplan)
Dauer: ca. 1,5 – 2 Stunden

Anreise: Der Treffpunkt befindet sich nahe der Endstation der Straßenbahn-Linie 31. Falls Sie mit dem Auto anreisen, nutzen Sie bitte die Parkmöglichkeiten entlang der Johann-Weber-Straße. Am Johann-Orth-Platz ist das Parkplatzangebot nur gering.

Tipp: Zum Beobachten bitte Fernglas mitnehmen!

Der Spaziergang findet bei jedem Wetter statt. Die Bürgerinitiative IGL-Marchfeldkanal freut sich auf Ihr Kommen!

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