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Archive for the ‘Südlich des Wiener Heeresspitals’ Category

So ähnlich hätten die Schlagzeilen lauten müssen, als die Bauträger im Hochsommer dieses Jahres eine PR-Offensive starteten, um den Erfolg ihres sorgsamen Umgangs mit den Zieseln nördlich des Heeresspitals  zu präsentieren[1]. Man stellt Ausgleichsflächen bereit, zäunt die Restfläche des Projekts ein und pflegt sie teilweise, misst Erschütterungen und Stresshormone im Kot der Tiere. So sehr wie all die gut klingenden Maßnahmen hervorgehoben wurden, so sehr wurde auch ein wesentliches aber schwerwiegendes Detail verschwiegen: Der Bestand auf der Projektfläche nördlich des Heeresspitals hat im Vergleich zum Vorjahr um gut 20% oder 50 Tiere abgenommen. Auf Abwanderung ist der Schwund jedenfalls nicht zurückzuführen – eine vergleichbare Zunahme auf den Ausgleichsflächen wurde nämlich nicht festgestellt. Festgestellt wurden jedoch insgesamt 6 tote Ziesel, zum Großteil in Baustellennähe. Zum Vergleich: Während des bisherigen Monitorings zwischen 2012 und 2018 wurde ein einziges totes Tier registriert (im Vorjahr, ebenfalls nahe den Baustellen). 

Baustellen – Auswirkungen mit Verzögerung

Die wenigen bisher für die “Baufeldfreimachung” umgesiedelten oder vertriebenen Tiere waren nur die Spitze des Eisberges. Die durch die Aufteilung des gesamten Vorhabens in bisher 6 Teilprojekte (“Salamitaktik”) und vorherige Einstellung der Mahd jeweils geringe Anzahl der für die Baugruben zerstörten Baue durfte als Begründung für das “behutsame” vorgehen der Stadt bei der Genehmigung der Projekte durch die MA 22 herhalten:

“Im konkreten Fall war die Entscheidung sehr leicht, weil nur mehr wenige Ziesel – weniger als zehn – betroffen sind”[2]

Auf die Verlautbarung der Folgen der “leichtgefallenen” Entscheidungen durch ebendiese Behörde, nämlich Totfunden und Bestandsrückgängen, kann die Öffentlichkeit wohl lange warten. Im Laufe des Jahres wurden im Zuge des durch die Bauträger durchgeführten Ziesemonitorings vier tote Ziesel aufgefunden, drei davon in Baustellennähe. Weitere zwei Tiere wurden von Anrainern in der Nähe der Baustellen entdeckt. Obwohl der baustellennahe Bereich des Ziesellebensraums seit dem Frühjahr eingezäunt ist, und somit zumindest von direkten Störungen durch Hunde und Menschen geschützt ist, scheinen die dortigen Bewohner leichter Fressfeinden oder Krankheiten zum Opfer zu fallen. In Kombination mit einer erhöhten Wintersterblichkeit, und vermindertem Fortpflanzungserfolg, ergibt das vermutlich den beobachteten Bestandsrückgang.

Der starke Rückgang im Frühjahr ist nicht nur auf spätes Aufwachen zurückzuführen – die Erschütterungsgrenzwerte dürften das Papier auf dem sie stehen nicht wert sein.

Der wesentliche Unterschied zu den Jahren, in denen das Vorkommen gewachsen ist: Baustellen an zwei von vier Seiten des Lebensraums und fehlende Pufferzonen zu den Störquellen. Während das Vorkommen ursprünglich eher in der Mitte eines 7ha großen Feldes lebte, war zuletzt beinahe jeder verfügbare Quadratmeter der übergebliebenen 3,8ha besiedelt.

Ausbreitung 2011 vs. 2019 (c) Knoll Consult/Ilse Hoffmann

Ein Weibchen macht noch keine Population

Während der Bestand auf der Projektfläche bereits schrumpft, steht ein Nachweis  selbsterhaltungsfähiger Besiedlung der Ausgleichsflächen jenseits des Marchfeldkanals immer noch aus. Mit Ende Juni wurden dort 18 Zieselbaue festgestellt, genauso viele wie ein Jahr davor. Von den östlich des Marchfeldkanals im Zuge des Monitorings eingefangenen Tieren war nur ein einziges weiblich[3], Beweise für eine erfolgreiche Fortpflanzung der Tiere in diesem Lebensraum waren offenbar keine zu finden. Für einen dauerhaft funktionsfähigen Ersatzlebensraum müsste die Population mindestens 300 Individuen aufweisen[4], da sie nach Fertigstellung des Bauprojekts und Entfernung des Zieselstegs faktisch von der Kernpopulation auf dem Heeresspitalgelände abgeschnitten wäre. 

Nächste Bauschritte 2021?

Bis 2021 sollen nördlich des Heeresspitals keine weiteren Bauschritte erfolgen[5]. Zu befürchten ist, dass im Anschluß die derzeit dahindümpelnde Besiedlung der Ausgleichsflächen als Erfolg verkauft werden soll und weitere Baufelder mit dem Hinweis auf diesen genehmigt werden sollen. Die Strategie zeichnet sich bereits ab: Der vergleichsweise niedrige Bestand bei der ersten Kartierung des Vorkommens im Jahre 2011 soll als Maßstab herangezogen werden, womit selbst eine Halbierung der derzeitigen Population als Erfolg verkauft werden kann:

„Ab 2021 könnte die Absicht umgesetzt werden, einen nächsten Bauabschnitt umzusetzen“, so Knoll. „Aber nur dann, wenn es uns gelingt, und das sieht momentan sehr gut aus, dass der Zieselbestand, den wir ursprünglich vorgefunden haben, nicht schlechter, sondern möglicherweise sogar besser wird.“[1]

Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung von Ausnahmegenehmigungen zur Zerstörung von Lebensraum geschützter Arten ist, dass das öffentliche Interesse an der Realisierung des Projekts höher sein muss, als das Interesse an der Erhaltung der betroffenen Art. Gedacht war diese Ausnahme für Fälle, wie Schutz der Gesundheit der Bevölkerung, Landesverteidigung oder Realisierung öffentlicher Infrastruktur mit eingeschränkter Standortauswahl. Angewendet werden solche Ausnahmen viel zu häufig, in Wien eben auch für trivialen Wohnbau, der an jedem beliebigen Alternativstandort realisierbar wäre. Für die bereits errichteten Teile des Projekts wurde in einem Gutachten der MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung, Ressort Vassilakou) eifrig ein überwiegendes öffentliches Interesse am Bauprojekt festgestellt – Aufgrund des starken Zuzugs nach Wien und der damals zu geringen Wohnbauleistung. Heute jedoch stellt sich die Situation grundlegend anders da: Der Zuzug nach Wien hat stark nachgelassen. Wurde 2016 das überschreiten der Zwei-Millionen-Grenze für 2022 erwartet [6], sagen dies die aktuellen Prognosen erst für 2027 voraus, statt um 26.000 Menschen wächst die Stadt um weniger als 10.000 jährlich. Der Wohnbaurückstau ist aufgearbeitet, die Anzahl der 2020 erwarteten Fertigstellungen von Wohnungen soll weit über dem Jahresbedarf liegen[7]. Unter diesen veränderten Umständen – vor allem wenn die Population auf den Ausgleichsflächen jenseits des Marchfeldkanals bis dahin keine selbsterhaltungsfähige Größe erreicht haben sollte – kommt eine Genehmigung zur Schädigung einer geschützten Art zugunsten eines Wohnbauprojekts einer völligen Kapitulation vor den Einzelinteressen der Bauwirtschaft gleich. Dabei ist Investitionsschutz vor Artenschutz gesetzlich durch nichts gedeckt. 

“Schutz” in Artenschutz kaum wahrnehmbar.

Auch südlich des Heeresspitals tickt die Uhr für die dortigen Ziesel, denn Artenschutz scheint nicht als Hindernis für eine Umwidmung in Bauland gesehen zu werden.  Für ein Projekt auf den 2017 von einem Bauträger gekauften Flächen werden bereits Voranmeldungen für 591 Wohnungen angenommen[8] , obwohl die Fläche bis auf einen schmalen Streifen von Bauland entlang der Brünnerstrasse landwirtschaftlich gewidmet und amtsbekannter Ziesellebensraum ist. Auch heuer konnte eine angebliche Zieselfreiheit der Fläche klar widerlegt werden – trotz Anbau einer hochwachsenden Gründüngemischung waren zahlreiche Baue zu finden, Warnrufe zu hören und flüchtende Ziesel zu sehen. Man darf gespannt sein, ob die Pflanzen – wie bei Gründüngung üblich – für eine nachfolgende Aussaat im nächsten Jahr eingepflügt werden oder nur ausgesät wurden, um den Ziesellebensraum möglichst rasch zuwachsen zu lassen. Sollte tatsächlich auch südlich des Heeresspitals eine Umwidmung für ein Bauprojekt drohen, werden wir die MA 22 gerne daran erinnern, dass der dort 2011 festgestellte Zieselbestand als Basis für die Beurteilung heranzuziehen ist, wie scheinbar nördlich des Heereresspitals geplant, und nicht eine eventuell durch vorsorgliche Vergrämungsmaßnahmen von Zieseln befreite leere Fläche.


Auch heuer gibt es wieder einen Zieselkalender mit wunderschönen Bildern preisgekrönter Fotografen. Mit Ihrer Spende helfen Sie uns beim Kampf um die Erhaltung des Ziesellebensraums beim Heeresspital

[1] ORF – Ziesel in Stammersdorf werden gechipt
[2] Kurier – Hysterie um geschützte Tiere schadet dem Artenschutz
[3] Bericht ökologische Aufsicht 15.07.2019
[4] Bericht ökologische Aufsicht 15.10.2014
[5] Kurier – Bauträger vermelden Übersiedlung der Ziesel
[6] Austria Forum – Demografie Wiens
[7] Kurier – Studie sieht Trendwende am Wiener Wohnungsmarkt
[8] Neues Leben – OASE Marchfeldkanal

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Keinen Weihnachtsfrieden gibt es für die Ziesel auch südlich des Heeresspitals. Stattdessen ein erstklassiges Begräbnis für den Artenschutz in der selbsternannten Umweltmusterstadt Wien. Der Skandal: Obwohl die MA 22 von der Umweltanwaltschaft Zieselbaue gemeldet bekommt, akzeptiert diese ein Gutachten des Bauträgers, das die Zieselfreiheit der Fläche bescheinigt.

Seit Montag gräbt sich ein Bagger durch die im Besitz eines Bauträgers stehende landwirtschaftlich gewidmete Fläche südlich des Heeresspitals. Insgesamt wurden bis jetzt, über fast die gesamte Fläche verteilt, mehr als 30 ca. 3m tiefe Gruben für Sondierungsgrabungen ausgehoben. Dagegen ließe sich nichts sagen, wenn diese Grabungen nicht inmitten eines sich derzeit im Winterschlaf befindlichen Zieselvorkommens stattgefunden hätten. Also mitten im Ziesellebensraum , und mitten in der Winterstarre der strengstens geschützten Tiere. Ob und wie viele Tiere dabei getötet wurden, lässt sich nicht sagen – jedoch können die Tiere derzeit auf Beschädigungen oder Zerstörung ihrer Schlafkammer nicht reagieren – ein sicheres Todesurteil für sie. Dabei zählen Ziesel nicht nur nach dem Wiener Naturschutzgesetz zu den streng geschützten Tierarten mit prioritärer Bedeutung, sondern sind auch EU-weit nach der FFH-Richtlinie streng geschützt, ebenso wie ihr Lebensraum.

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Zieselvorkommen beim Heeresspital – Bestandsdaten: MA 22, Ilse Hoffmann, Knoll Consult, IGL-Marchfeldkanal.

Umweltbehörde schaut zu und findet nichts dabei
Die Wiener Umweltbehörde MA 22  dürfte über die Arbeiten unterrichtet gewesen sein, denn sie verweist auf ein im Auftrag des Bauträgers erstelltes Gutachten, in dem die Fläche schlichtweg für zieselfrei erklärt wird. Diesem schenkt die Behörde mehr glauben, als dem Wissen der eigenen Mitarbeiter sowie Beobachtungen der Umweltanwaltschaft (entsprechender Mailverkehr liegt uns vor). Während diese Information in der MA 22 einer kollektiven Amnesie zum Opfer gefallen zu sein scheint, dürfte man sich bei der Umweltanwaltschaft noch daran erinnern [1].

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Sondierungsarbeiten, 5.12.2017. Im Hintergrund zahlreiche Erdhaufen

Das von der Behörde akzeptierte Gutachten basiert offenbar auf einer Begehung der Fläche in der zweiten Septemberhälfte(!), bei der keine aktiven Zieselbaue auf der Fläche feststellen werden konnten. Das ist insofern eher wenig verwunderlich, als die ersten Ziesel sich bereits Mitte August in den Winterschlaf zurückziehen, und die letzten (heurige Jungtiere) Anfang Oktober in ihren Bauen verschwinden. Ende September ist also ein günstiger Zeitpunkt, wenn man es nicht so genau nehmen möchte und möglichst keine genutzten Zieselbaue finden will. Um das Übersehen möglicher Baue noch leichter zu gestalten, wurde die auf dem Großteil der Fläche angebaute Hirse kurz davor eingemulcht – der Boden war also flächendeckend mit gehäckseltem Hirsestroh bedeckt. Die Aussagekraft eines unter solchen Bedingungen entstandenen Gutachtens ist also mehr als fraglich, außer man wollte möglichst nichts finden, ein anderer Erklärungsversuch lässt sich unter den gegebenen Umständen selbst mit blühendster Phantasie nicht finden.

 

Grabungen nördlich und südlich des Heeresspitals – selbes Zieselvorkommen, zwei Welten.
Selbst wenn die Behörde – ohne eigene Daten erhoben zu haben – davon ausgeht, dass sich tatsächlich keine Ziesel mehr auf der Fläche befinden, stellt sich die Frage, warum für Erdarbeiten im Süden des Vorkommens plötzlich nicht dieselben Auflagen gelten sollen, wie für Arbeiten im Norden, befindet sich doch unmittelbar daneben unbestritten das Vorkommen am Heeresspitalgelände. Lange Zeit wurde den Bauträgern nördlich des Heeresspitals dies und das abverlangt, so z.B. einen Mindestabstand von 50m zwischen Baustelle und dem nächsten Zieselbau gefordert oder die laufende Bautätigkeit nur unter Einhaltung von Erschütterungsgrenzwerten bei den Arbeiten genehmigt [2] (wie sehr dabei auf die strenge Einhaltung dieser Auflagen Wert gelegt wurde und wird, ist wiederum ein anderes Thema). Bei der Baustelle wurden eigens mehrere Erschütterungsmessstellen installiert, die erlaubten Höchstwerte für die Zeit des Winterschlafs besonders niedrig angesetzt.

Südlich des Heeresspitals ist das alles jedoch scheinbar kein Thema mehr für die Wiener Umweltschutzbehörde, obwohl da wie dort ein Bagger Erde schaufelt und beides das selbe Zieselvorkommen betrifft. Weder wurde dort auch nur annähernd ein 50m Radius beachtet, noch waren Erschütterungsmessstationen zu sehen. Man könnte fast meinen, die Auflagen zum Schutz der Ziesel nördlich des Heeresspitals seien nur erlassen worden, um die Kritiker des Bauprojekts zufrieden zu stellen – die im südlichen Teil des Vorkommens fehlen, genauso wie etwaige Anrainer. Mit ehrlichen Schutzbemühungen zum Wohl der extrem vom Aussterben bedrohten Tiere hat das Ganze nichts zu tun. Im Lichte der jetzt durchgeführten Erdarbeiten lässt sich sogar eher das Gegenteil vermuten.

Aktuelle eigene Kartierungen zu dem Vorkommen besitzt die Behörde nicht. 2015 wurde in allen Wiener Zieselvorkommen nördlich der Donau ein Monitoring durchgeführt um das Wissen um Bestandszahlen und Verbreitungsgebiete aufzufrischen [3]. Diese Zählungen sollen alle sechs Jahre wiederholt werden. In allen Vorkommen? Leider nein, denn die Umgebung des Heeresspitals wurde als einzige von der behördlichen Zählung ausgenommen, da hier ein laufendes Monitoring im Auftrag der Bauträger beim bestehenden Bauprojekt stattfindet. Wenig überraschend beschränkt sich das Monitoring der Bauträger im Wesentlichen auf die (eigene) Projektfläche nördlich des Heeresspitals. Das Gelände des Heeresspitals sowie die jetzt betroffenen Flächen südlich davon, wurden zuletzt 2011 untersucht [4]. Da die MA 22 nun über keine selbst erhobenen Daten über den Zieselbestand auf den besagten Flächen verfügt, können vorgelegte Gutachten auch nicht einfach gegengeprüft werden. Den Bauträger wird das wahrscheinlich nicht sonderlich stören.

Im Zweifelsfall für den Bauträger
Um der MA 22 bei ihrer (über)anstrengenden Tätigkeit in Sachen Artenschutz behilflich zu sein, hat die Bürgerinitiative Igl Marchfeldkanal bereits im Jahr 2013 beschlossen, die Dokumentation der Ziesel-Bauverteilung südlich des Heeresspitals selbst selbst in die Hand zu nehmen. Seither führt die IGL-Marchfeldkanal jährlich im April oder Mai eine Begehung der Fläche sowie eine Erfassung der GPS-Koordinaten aufgefundener Baueingänge durch. Dies ist der optimale Zeitpunkt für eine Kartierung, da alle Tiere bereits wach sind und die Vegetation noch nicht übermäßig ausgeprägt ist. Auch zählt man Jungtiere noch nicht mit, von denen nur ein Bruchteil das nächste Jahr erleben wird. Zu diesem optimalen Zeitpunkt hätte freilich auch der Bauträger kartieren lassen können.

Die von uns erfassten Daten haben wir bereits vor Monaten der Behörde zur Verfügung gestellt [5], welcher folglich die Diskrepanz zwischen dem kontinuierlichen Besiedlungsnachweis unsererseits und dem “Zieselfrei”-Gutachten des Bauträgers aufgefallen sein müsste. Unsere Begehungen erfolgten zum Teil in fachlich kompetenter Begleitung, an der Glaubwürdigkeit unserer Befunde sollte es also nicht gelegen haben.

Nach der offiziellen Kartierung 2011 wurde die Fläche noch bis 2013 landwirtschaftlich genutzt, seither jährlich im Sommer gemäht, womit sie weiterhin als Lebensraum geeignet blieb. Die 2011 kartierten ca. 35 Baue wuchsen im Laufe der Jahre auf ca 100 im Frühjahr 2016 an. Im selben Jahr will der Bauträger (nach einer extrem späten Mahd Ende September) keine Ziesel mehr auf der Fläche festgestellt haben [6].

Anfang  Mai 2017 konnten wir zwar deutlich weniger Baue als im Vorjahr feststellen, die Fläche war aber eindeutig weiterhin besiedelt. Ende Juni wurde die Fläche gepflügt und Hirse ausgesät.

Mitte September wurde das Getreide eingemulcht (womit sich die Frage nach dem Zweck solcher “landwirtschaftlicher” Tätigkeit stellt). Trotz mit Stroh bedecktem Boden konnten wir mehrere Baueingänge sowohl auf der Ackerfläche als auch in den umgebenden Grasstreifen feststellen. Ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als zum zweiten Mal die offizielle “Zieselfreiheit” festgestellt worden sein dürfte. Wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg, auch beim Zieselschutz, ob sich das bis zur MA 22 durchgesprochen hat, wissen wir nicht, denn in der oben beschriebenen Vorgehensweise der Behörde ist der Wille das Vorkommen beim Heeresspital wirksam zu schützen, nicht zu erkennen.

Was sich südlich des Heeresspitals vor aller Augen abspielt ist ein Begräbnis des Artenschutzes und der “Umweltmusterstadt Wien” erster Klasse. Wollen wir wirklich untätig erste Reihe fussfrei zuschauen?

 

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Wissen über die Ziesel südlich des Heeresspitals:

  • Juli 2011: Artenkartierung im Auftrag der MA 22
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  • August 2013: Letzte Ernte, Kurz darauf Probegrabungen.

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    Feld nach der Ernte 2013, Spur von Baggerung, rechts unten Zieselbau

  • April 2014 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal, südliches Eck wurde ausgelassen. Mahd mitte August.

    sued-2014

    56 Bau-Ein- und Ausgänge

  • April 2015 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal, südliches Eck wurde ausgelassen. Mahd Juni/Juli

    sued-2015

    84 Bau-Ein-und Ausgänge

  • April 2016 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal. Mahd Ende September

    sued-2016

    133 Bau-Ein-und Ausgänge

  • Vermutlich nach Mahd Ende September – erstmalige „Feststellung“ der Zieselfreiheit der Fläche im Auftrag des Bauträgers
  • Anfang Mai 2017 – Begehung durch IGL-Marchfeldkanal

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    79 Bau-Ein-und Ausgänge

  • Mai 2017: Mahd
  • 2 Junihälfte 2017: Pflügen und Aussaat von Hirse – auf der Fläche sind weiterhin Zieselbaue zu finden.

  • Mitte September 2017: Hirse wird eingemulcht und liegengelassen.  Begehung durch IGL-Marchfeldkanal

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    36 Bau-Ein-und Ausgänge

  • September 2017: Umweltanwaltschaft meldet Baue im südlichen Teil sowie an Nordgrenze.
  • September 2017: Abermals wird  „Zieselfreiheit“ der Fläche im Auftrag des Bauträgers festgestellt.

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    durchgehend mit zerkleinertem Stroh bedeckter Boden

  • Dezember 2017: Probegrabungen
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[1] Rückmeldung Wiener Umweltanwältin zu den Grabungen
[2] Wohnbauprojekt nördlich Heeresspital – Maßnhme Erschütterungen
[3] Aktualisierung von Zieseldaten in Wien (Oktober 2013 bis Oktober 2015)
[4] Artenkartierung Europäisches Ziesel und Feldhamster in Wien 21 – Heeresspital und Umgebung östlich Brünner Straße
[5] Mail an MA 22 vom 22.6.2017 zu Flächen südlich des Heeresspitals
[6] Schon wieder Alarm um die Ziesel

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Ziesellebensraum südlich des Heeresspitals während der Jungenaufzucht zerstört – Säugende Muttertiere ohne Nahrung  – Bauträger kaufte landwirtschaftlich gewidmete Flächen – nach Vertreibung problemlose Umwidmung in Bauland erhofft?

Eine in besonders korrupten Ländern beliebte Methode zur “Landverwertung” ist das Abfackeln von Wald an baulich attraktiven Standorten[1]. Ist der geschützte Wald erst mal abgebrannt, steht einer Umwidmung zu Bauland oft nichts mehr im Wege. Die kreative österreichische Variante der Schaffung vollendeter Tatsachen ist die offenbar immer populärer werdende Taktik des „Zieselpflügens“.

Durch das Entziehen der Lebensgrundlage mittels Zerstörung der Vegetation, sollen die lästigen Ziesel früher oder später von der Bildfläche verschwinden. Nördlich des Heeresspitals tauchte Ende Juni 2011, kurz nach der ersten Meldung des dortigen Zieselvorkommens an die Behörden, ein Traktor auf, um zu einem landwirtschaftlich absolut unsinnigen und für die Jungziesel denkbar ungünstigen Zeitpunkt die Fläche umzupflügen. Zum Glück für die dort lebenden und unter strengstem Naturschutz stehenden Ziesel waren sofort Anrainer sowie Aktivisten des von ihnen benachrichtigten Wiener Tierschutzvereins und von Vier Pfoten zur Stelle. Der Traktor konnte gestoppt werden, nur ein Bruchteil des wertvollen Ziesel-Lebensraums wurde damals zerstört.

Die Ziesel südlich des Heeresspitals hatten nun leider nicht so viel Glück, wie ihre Verwandten nördlich davon. Südlich des Heeresspitals gibt es keine Nachbarn, die auf verdächtige Aktivitäten aufmerksam werden könnten. Nur die, wie üblich scheinbar in einer Art Wach-Koma befindliche Wiener Umweltbehörde, deren bisheriges Verhalten bei Bauträgern keinerlei Repekt gegenüber Naturschutzgesetzen hervorzurufen vermag und einen gewaltigen Kontrollverlust in Sachen Umweltschutz erahnen lässt, sowie auf der anderen Seite einen Bauträger als Grundeigentümer – „Neues Leben“. Unvermeidlich drängt sich da die Frage auf, warum ein Bauträger eine landwirtschaftliche Fläche erwirbt – wohl kaum, um dort Getreide anzubauen. Für einen Bauträger wird ein solches Geschäft nur dann attraktiv, wenn im Hintergrund einigermäßen verlässlich eine lukrative baldige Umwidmung in Bauland winkt, bekanntes Zieselvorkommen hin oder her. Sobald auf einer solchen Fläche der Traktor mit dem Pflug unterwegs ist, handelt es sich wohl kaum um landwirtschaftliche Maßnahmen, sondern um die brutale Durchsetzung von Profit-Interessen. Nun hat der Traktor auch südlich des Heeresspitals sein Werk getan. Die Vegetation und somit die Nahrungsquelle der dort lebenden Ziesel wurde vor einigen Tagen durch Eggen oder Grubbern des Bodens einfach zerstört, und das zu einem katastrophalen Zeitpunkt: Die Jungtiere sind noch nicht selbständig und auf Muttermilch angewiesen. Wenig Futter bedeutet wenig Milch. Geschwächte Jungtiere werden bis zum Winterschlaf kaum aufholen können und diesen, sofern sie ihn überhaupt erleben, kaum überleben. Aus diesem Grund wird sogar in sämtlichen naturschutzrechtlichen Ausnahmebescheiden, die die Zerstörung von Ziesellebensraum genehmigen, jeglicher Eingriff zwischen Anfang Mai (Geburt der Jungtiere) und Ende Juni (Selbständigkeit) verboten [2]. Dazu kommt noch, dass abwandernde Ziesel die Population im Heeresspital zusätzlich unter Druck setzen, die von Norden her ohnehin mit dem altbekannten Bauprojekt und dem damit einhergehenden Lebensraumverlust zu kämpfen hat.

 

Population seit 2011 bekannt

Dabei ist die Zieselpopulation südlich des Heeresspitals zumindest seit 2011 amtsbekannt und gut dokumentiert. Die Wiener Umweltabteilung MA 22 hielt das Heeresspitalvorkommen für derart gut erforscht (es gibt lediglich für den Teil nördlich des Heeresspitals ein laufendes Monitoring), dass sie auf eine Kartierung im Zuge der Neukartierung aller Wiener Zieselvorkommen 2013-2015 beim Heeresspital als einzigem Vorkommen(!) verzichtete.

2011 stellte Dr. Ilse Hoffmann im Auftrag der MA 22 [3] in dem frisch abgeernteten Feld 34 Baue fest (siehe „Abbildung 2“). 2013 wurde die Bewirtschaftung eingestellt, die Fläche aber weiterhin einmal jährlich gemäht, womit der Lebensraum für die Ziesel geeignet blieb. Seit 2014 erfasst die IGL-Marchfeldkanal jeweils im Frühjahr die vorhandenen Zieselbaue und ihre GPS Koordinaten:
Im April 2014 wurden 56 Bau-Ein- und Ausgänge gezählt, alle auf der nun verwüsteten Fläche.

April 2015: 84 Baue.

April 2016: 133 Baue.

Mai 2017: 79 Baue.

 

Umgehung von Gesetzen – mit Billigung der Politik?

Ist also kaufen, rücksichtslos vertreiben und umwidmen lassen, inzwischen ein in Wien funktionierendes Rezept zur “Baulandverwertung” geworden? Und das unter den Augen der Stadtregierung bzw. der mitregierenden Grünen, deren Ressort für Widmungen zuständig ist? Ziesel sind europaweit strengstens geschützt, das Töten und Fangen sowie die Zerstörung ihrer Ruhe- und Fortpflanzungstätten sind streng verboten. Mutwilliges Herbeiführen eines Futtermangels um das Nest zerstört eindeutig seine Eignung als Fortpflanzungsstätte. Ein Tolerieren solcher – einen recht eindeutigen Zweck verfolgenden – unverschämten Praktiken führt jeglichen Artenschutz ad absurdum. Sieht die Politik im „Umweltmusterland“ Österreich tatenlos zu, wenn mit wohlplatzierten “landwirtschaftlichen Maßnahmen” Artenschutzgesetze ausgehebelt werden? Wie weit ist es mit der „Gemeinnützigkeit“ eines Bauträgers her, wenn er im Zuge seiner Tätigkeit unnötig wertvolles Gemeingut zerstört? Angesichts solcher Winkelzüge ist es auch gar nicht verwunderlich, dass das 2010 von der EU im Rahmen der “EU 2020 BIODIVERSITY STRATEGY“ gesetzte Ziel, innerhalb von 10 Jahren den Rückgang der Artenvielfalt zu stoppen, auf dem allerbesten Weg zum Scheitern ist [4].

Das „Zieselproblem“ beim Heeresspital ist der Baubranche seit 6 Jahren bekannt. Trotzdem fühlt man sich nicht bemüßigt, mit den Tieren rechtlich korrekt umzugehen. Wir verlangen eine lückenlose Aufklärung und Konsequenzen für die Verantwortlichen, sowie ein klares Bekenntnis der Stadtpolitik zum Artenschutz und damit den sofortigen Stopp solcher dreister Vorgehensweisen, deren Beispiel inzwischen immer mehr Schule macht. Das Schaffen vollendeter Tatsachen darf sich nicht mehr lohnen – der beschädigte Ziesellebensraum sowie die bisherigen Populationsdichten müssen wiederhergestellt und erhalten werden!

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Machen Sie sich selbst ein Bild bei der Zieselführung am 25.6.2017, 14:00!

[1] WWF Waldbrandstudie
[2] Umweltinformationen aus dem Bescheid vom 16.11.2015 zur Zahl: 141149/2015 und den zugrunde liegenden Gutachten
[3] Artenkartierung Europäisches Ziesel und Feldhamster in Wien 21 – Heeresspital und Umgebung östlich Brünner Straße
[4] Mid-Term Assessment of Progress on the EU Biodiversity Strategy

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Die Ausgleichsflächen für die Ziesel beim Wiener Heeresspital, die bekanntlich einem riesigen Bauprojekt weichen sollen, sind in aller Munde. Doch nur Insider kennen ihre tatsächliche Lage.

Um für die überfällige Transparenz zu sorgen, wurden nun Ausgleichsflächen und aktuelles Verbreitungsgebiet der Ziesel in Google Maps visualisiert und mit klickbaren Infos und Fotos angereichert. Als Basis dienen die von den Bauträgern bei der Naturschutzbehörde eingereichten Grundstücksdaten (PDF, ca. 2.4 MB).

Machen Sie sich selbst ein Bild von einem „Fleckerlteppich“ an Fragmenten, deren jeweilige Eignung und Erreichbarkeit größtenteils zweifelhaft ist. Zuletzt sprachen selbst die involvierten Experten offen von einer „nicht kalkulierbaren Akzeptanz“ der Ersatzgebiete durch die streng geschützten Tiere.

Visualisierung der Ziesel-Ausgleichsflaechen beim Wiener Heeresspital

Klicken Sie in die Google Karte um diese in voller Größe zu öffnen.

Hinweis: Für eine optimale Darstellung, empfehlen wir die Karte in einem gängigen Browser auf einem Desktop- oder Notebook-Gerät anzusehen.

Erläuterungen zur Visualisierung der Ziesel-Ausgleichsflächen

Das aktuelle Verbreitungsgebiet der isolierten Ziesel-Population beim Wiener Heeresspital ist in der Karte gelb und grün dargestellt.

Im grün markierten, nördlichen Areal ist Errichtung von ca. 950 Wohnungen geplant. Obwohl strengstens geschützt, sollen die dort lebenden Ziesel aus der Gesamtpopulation herausgelöst und auf die rot dargestellten Ausgleichsflächen umgelenkt werden. Diese liegen zum überwiegenden Teil jenseits des Marchfeldkanals und sind nur über eine schmale Brücke erreichbar.

Einem Bericht der Bauträger an die Naturschutzbehörde ist zu entnehmen, dass bei Detailbegehungen keine Zieselbaue auf der gegenüberliegenden Seite des Gewässers festgestellt werden konnten. Somit existiert bis dato kein Nachweis, dass zumindest ein Ziesel über die Brücke hin und her wandern würde.

Unschwer zu erkennen ist, dass sogar die mit Büschen und Bäumen dicht verwachsenen Marchfeldkanal-Uferböschungen abschnittsweise als Ausgleichsflächen vorgesehen sind. Da Ziesel als Lebensraum offene Graslandschaften benötigen, bedarf es wohl signifikanter Rodungen um die Ufer als Ausgleichsflächen zu aktivieren. Dabei ginge wertvoller Lebensraum vieler in Wien selten gewordener Arten (z.B.: Eisvogel und Zauneidechse) verloren.

Fläche A9: Ziesel-Marathon zur Naherholungswiese

Fragwürdiges Highlight der Ausgleichslösung ist Fläche A9. Um sie vom Feld nördlich des Heeresspitals zu erreichen, müssten die Ziesel zielstrebig 1,15 km zurücklegen!

Dort angekommen, erwartet sie jedoch ganztägig Stress und gleich auch das nächste Bauprojekt. Denn die Wiese dient den M enschen mehrere nahegelegener Wohnanlagen zur Naherholung und schon bald soll westlich angrenzend ein Bauprojekt realisiert werden.

Warum eigentlich dieser „Fleckerlteppich“?

Ein großer Teil des Grünland zwischen Marchfeldkanal und Brünner Straße rund um das Wiener Heeresspital ist von Zieseln besiedelt. Dabei handelt es sich um ein Relikt-Vorkommen, für das aufgrund der isolierten Lage und unüberwindbarer Barrieren keine Möglichkeit zur Abwanderung besteht.

Diesseits des Marchfeldkanals stehen daher Ausgleichsflächen nicht im ausreichenden Umfang zur Disposition. Um die Realisierung des Bauprojekts – losgelöst von Fragen des Naturschutzes – retten zu können, ist man somit auf Gebiete auf der anderen Seite des Marchfeldkanals angewiesen.

Bestätigung für die suboptimale Lage der Ersatzgebiete kommt von der Ziesel-Expertin Dr. Ilse Hoffmann, die von den Bauträgern beigezogenen wurde. Sie erklärte im Gespräch mit „Der Presse“:

Es ist sicher nicht optimal, dass ein Großteil der Flächen nicht unmittelbar an das Lebensgebiet der Ziesel angrenzen.

Quellen

  1. Durch die Bauträger bei der Naturschutzbehörde MA 22 eingereichte Ausgleichsflächen
    (PDF, ca. 2.4 MB) Stand September 2012
  2. Artenkartierung Heeresspital – Umgebung Europäisches Ziesel und Feldhamster
    (Powerpoint, ca, 1.5 MB) Dr. Ilse Hoffmann, Universität Wien, September 2011

Die Karte wurde unter Verwendung von Symbolen aus der freien Map Icons Collection realisiert.

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Auf den Grünflächen rund um das Wiener Heeresspital existiert eine der letzten großen Ziesel-Kolonien Österreichs. Nach dem nördlichen Abschnitt plant die Stadt Wien nun auch den Bereich südlich des Heeresspitals, gegenüber dem Ekazent B7, in Bauland umzuwidmen. Eine entsprechende Studie findet sich bereits im Internet.

Wie schon beim letzten Widmungsverfahren, drohen also die streng geschützten Tiere, die in Österreich auf Platz 1 der Roten Liste stehen, erneut unter den Tisch zu fallen.

Indes legt die Wiener Naturschutzbehörde keinen allzu großen Wert auf den Schutz der betroffenen Tiere und die artgerechte Pflege ihres Lebensraums.

Planungen und Verkaufsgespräche im Laufen

Südlich des Wiener HeerespitalsZiesel-Lebensraum südlich des Wiener Heeresspitals 

Das Ziesel-Vorkommen südlich des Wiener Heeresspitals ist seit Sommer 2011 durch die Universität Wien im Auftrag der Wiener Naturschutzbehörde MA 22 dokumentiert. Darüber hinaus sind dort auch Vorkommen der europaweit ebenso streng geschützten Feldhamster und Zauneidechsen bekannt.

Ziesel-Habitat südlich des Wiener Heeresspital   Ziesel-Habitat südlich des Wiener Heeresspital
Zieselbaue südlich des Wiener Heeresspitals

Anfang August 2012 wurden auf den Internetseiten der Wiener MA18, zuständig für Stadtentwicklung, entsprechende Absichten für eine Umwidmung der Flächen südlich des Heeresspitals in Bauland publiziert:

Im Bereich südlich des Heeresspitals bestehen ebenfalls Flächen für einen potenziellen Städtebau. Wenngleich hier erst der Anfang der Planungsphase erreicht ist, stellt insbesondere der Nahbereich des Marchfeldkanals eine attraktive Wohnperspektive dar.

Inzwischen wurde diese Textpassage von der Stadtplanungswebsite, die befremdlicherweise jeden Hinweis auf die dort ansäßigen, „prioritär bedeutenden“ Ziesel vermied, wieder entfernt.

Laut Medienberichten dürften die Planungen jedoch weitergehen. Übereinstimmend war zudem von zwei verschiedenen Quellen zu erfahren, dass entsprechende Verhandlungen über den Verkauf der derzeit für Landwirtschaft gewidmeten Flächen im Laufen sein sollen.

History repeats itself?

Unweigerlich werden Erinnerungen an den eiligen Widmungsvorgang in 2010 wach. Schon damals war das dichte Ziesel-Vorkommen beim Wiener Heeresspital längst dokumentiert. Das Gebiet nördlich des Heeresspitals wurde trotzdem kommentarlos, ohne Berücksichtigung des gesetzlichen Artenschutzes, für Wohnbau umgewidmet, obwohl sich das beabsichtigte Projekt mit dem bereits bekannten Habitat überschnitt.

Nach Expertenmeinung des Lebensministeriums würde die Verbauung des Habitats nördlich des Wiener Heeresspitals gegen geltendes EU-Recht verstoßen

Studie bereits im Internet

Für die Verbauung südlich des Wiener Heeresspitals existiert eine Studie des Architekten Johannes Kastner-Lanjus, der auch das städteplanerische Konzept für das Projekt nördlich des Heeresspitals erstellt hat:

Bebauungsplan südlich Wiener Heeresspital

Link zum Verbauungskonzept südlich des Heeresspitals

Demnach ist auf den Flächen südlich des Heeresspitals, gegenüber dem Einkaufszentrum B7, die Errichtung von bis zu 8-geschößigen Gebäuden vorgesehen.

Zudem soll auch der vor dem Heeresspital an der Brünner Straße befindliche Parkplatz verbaut werden, was ein weiteres Indiz für die bevorstehende Schließung des Wiener Heeresspitals wäre.

Landwirtschaft in Ziesel-Habitat ohne behördliche Auflagen

Zurzeit wird auf einem Teil der Flächen südlich des Wiener Heeresspitals Landwirtschaft betrieben, der Rest liegt brach. Aus dem Ziesel-Gutachten von 2011 geht klar hervor, dass bei der Bewirtschaftung von Ziesel-Habitaten bestimmte Einschränkungen zum Schutz der Tiere einzuhalten sind.

In einem Mail von der MA 22 werden die einzuhaltenden Schutzmaßnahmen so zusammengefasst:

Auch landwirtschaftliche Nutzung benötigt keine Bewilligung, wenn auf die Bedürfnisse der Tiere Rücksicht genommen wird. Dazu gehört der Verzicht auf Gülle, Herbizide und Pestizide, es muss weiterhin genug Nahrung zur Verfügung stehen (z.B.: alle 50 m einen Streifen unbearbeitet lassen) und die Bearbeitungstiefe darf 30 cm nicht übersteigen.

Trotz des wissenschaftlich fundierten Kenntnisstands wurden die Grundstückseigentümer südlich des Heeresspitals von der Naturschutzbehörde nicht über die einzuhaltenden Auflagen informiert. Wie sonst hätten die betroffenen Eigentümer über die zu berücksichtigenden Bedürfnisse zur Einhaltung des Artenschutzes erfahren sollen?

Seitens der MA22 wurden somit keine präventiven Maßnahmen zum Schutz der streng geschützten Ziesel und ihres Lebensraumes gesetzt. Die gezeigte Passivität der Behörde verwundert jedoch sehr, denn aufgrund Europäischen Rechts besteht die Verpflichtung zum Setzen präventiver Maßnahmen, damit es möglichst erst gar nicht zu Verstößen gegen das Störungs- und Tötungsverbot kommen kann. Das strenge Schutzsystem der FFH-Richtlinie setzt also den Erlass kohärenter und vorbeugender Maßnahmen voraus.

Dichte Bewirtschaftung bringt Ziesel unter Druck

Lichtundurchlässiges Hirsefeld südlich des Wiener Heeresspitals
Suboptimale Ziesel-Habitatsbewirtschaftung südlich des Wiener Heeresspitals

In diesem Jahr wurde auf dem Feld südlich des Heeresspitals dicht Hirse angebaut. Das setzt jedoch das dortige Ziesel-Vorkommen massiv unter Druck, denn aufgrund der resultierenden fehlenden Lichtdurchlässigkeit ist die Rundumsicht und Orientierung der Tiere erheblich eingeschränkt. Im Ziesel-Gutachten der Universität Wien aus der Jahr 2005 über den Einfluss der Lichtverhältnisse auf Ziesel-Lebensräume liest man dazu:

Wichtiger als die Höhe der Vegetation scheint deren Zusammensetzung und damit optische Transparenz zu sein.

Durch eine proaktive Beratung bei der Fruchtwahl durch die Naturschutzbehörde hätte sicher eine Lösung gefunden werden können, die den Zieseln und ihrem Lebensraum zuträglicher gewesen wäre. So stellt sich nun die Frage nach der allfälligen Verantwortlichkeit, sollte das Ziesel-Vorkommen südlich des Wiener Heeresspitals innerhalb von 12 Monaten zurückgegangen oder gar erloschen sein.

Verbrachung von öffentlichem Ziesel- und Hamsterlebensraum

Brache südlich des Wiener HeeresspitalsDas Grundstücke (871/1 KG 01616) südlich des Heeresspitals ist im Besitz der Republik Österreich. Auf der Liegenschaft inmitten eines dokumentierten Ziesel- und Feldhamster-Habitats erfolgen jedoch keinerlei Pflegemaßnahmen.

Dementsprechend ist der brachliegende Streifen mittlerweile überaus dicht mit Goldrute verwachsen, was aber den Fortbestand der streng geschützten Tiere dort massiv erschwert. Kartierungsdaten der Universität Wien legen nahe, dass das Grundstück mit Zieseln und Feldhamstern besetzt war, als es noch gemäht wurde. Jedenfalls ist dort in der Wiener Feldhamster-Verbreitungskarte aus dem Jahr 2010 ein Feldhamstervorkommen dokumentiert.

Auch für die im Besitz der öffentlichen Hand befindliche Liegenschaft ist somit zu klären, weshalb trotz der Kenntnis des Vorkommens der europarechtlich streng geschützten Ziesel und Feldhamster, präventive Maßnahmen zum Schutz der Tiere und dem dauerhaften Erhalt ihres Lebensraums unterblieben sind. Insbesondere sind die Ziesel-Lebensräume am gesamten Wiener Stadtgebiet streng geschützt, d.h. die unbeinträchtigte Aufrechterhaltung deren Funktion.

Als negative Konsequenz der Verbrachung ist die Verbindung zur Kernpopulation am Areal des Heeresspitals,  die für die Ziesel südlich davon vital notwendig ist, funktional stark oder ganz eingeschränkt.

6.500 Unterschriften für ein Naturschutzgebiet

Der dauerhafte Schutz und Fortbestand der großen Ziesel-Reliktpopulation beim Wiener Heeresspital muss endlich absolute Priorität haben! Dieser lässt sich jedoch nur erreichen, indem die Flächen am und rund um das Heeresspital in ein geeignetes Naturschutzgebiet umgewandelt und langfristig artgerechte Pflegemaßnahmen etabliert werden.

Andernfalls sind die massiv vom Aussterben bedrohten Tiere weiterhin anhaltendem Druck durch wirtschaftliche Interessen und möglichen Fehlplanungen aufgrund von bedauerlichen Kommunikationspannen ausgesetzt.

Bereits 6.500 Menschen unterstützen diese Forderung. Unterschreiben auch Sie!

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